Produktion im Sekundentakt

+
Werner Deggim, Vorstandsvorsitzender der Norma Group mit Zentrale in Maintal, zeigt eine der Schellen, mit denen der Konzern sein Geld verdient.

Maintal - Seit kurzem läuft in Maintal wirtschaftlich eine neue Zeitrechnung. Vor ein paar Wochen läutete Werner Deggim, Vorstandsvorsitzender der hiesigen Norma Group und des nach eigenen Angaben größten Arbeitgebers des Main-Kinzig-Kreises, die berühmte Börsenglocke auf dem Frankfurter Wertpapierparkett. Von Axel Wölk

Umringt von Journalisten und Kapitalmarktexperten warteten der Diplom-Ingenieur und sein Vorstand auf die Erstnotiz und jubelten über den Kurs von 21,50 Euro. Seitdem kam die Aktie des auf Schellen für die Befestigung von Leitungen und Schläuchen spezialisierten Unternehmens aber nicht mehr recht von der Stelle.

Deggim wirbt um den langfristig orientierten Anleger und erwartet Rückenwind von der Börse. „Wir wollen 2011 organisch um nahe zehn Prozent wachsen.“ Das angestrebte Umsatzplus soll also ohne Unternehmenszukäufe bei besagter Zahl liegen. Im Jahr 2010 erwirtschaftete Norma 490 Millionen Euro. Mit sogenannten Akquisitionen dürfte in den kommenden Jahren Normas Umsatz noch deutlicher steigen. „Unser Markt ist stark fragmentiert. Da sind wir ständig auf der Suche nach günstigen Kaufgelegenheiten.“ Einen neuen Standort eröffnet Norma gerade in Serbien. Bei den niedrigeren Lohnkosten in Südosteuropa sollen gerade Produkte mit höherem Arbeitsaufwand dort gefertigt werden.

Größtes Standbein von Norma sind Befestigungsschellen. Mehrere hundert Millionen von ihnen produziert das Unternehmen im Jahr. Handwerker und Mechaniker nutzen sie, um damit alle Arten von Schläuchen und Leitungen zu befestigen. Das Unternehmen liefert dabei sowohl an Erstausrüster, also etwa Autofabriken direkt, als auch an Werkstätten, in denen Kühlschläuche und andere Vorrichtungen neu befestigt werden. Da Norma auch gleichzeitig Verbindungselemente - wie etwa Leitungen - selbst liefert, baut das Produktsortiment des Unternehmens aufeinander auf.

Die meisten Beschäftigten sind im Ausland

Von der unauffälligen Konzernzentrale im Maintaler Gewerbegebiet aus wird ein kleines Imperium regiert. 17 Produktionsstätten und Vertriebsstandorte zählt Norma über die ganze Welt verteilt - von Europa über Amerika bis nach Asien. Den weitaus größten Teil seiner Arbeitnehmer beschäftigt das Unternehmen im Ausland. Von den insgesamt 4 000 Mitarbeitern kommen 720 in die Werkstore am Maintaler Stammsitz, zusätzlich 110 in einen Ableger in Thüringen.

Hinter der hohen Anzahl an Auslandsbeschäftigten steckt unternehmerisches Kalkül. Der einstige Mittelständler beliefert etwa 10 000 Kunden aus der Automobilbranche, der Schifffahrt, dem Wassermanagement und der Luftfahrt. Um vor Ort Flagge zu zeigen, wandert die Produktion oft dort mit hin, wo der Kundenkreis sitzt. Bei mehr als 35 000 Produkten und Lösungen, die die Maintaler liefern, scheint es naheliegend, möglichst nah an den Märkten in 80 verschiedenen Ländern zu sein. „Wir fühlen uns als Weltmarktführer“, sagt Deggim.

In den Maschinenräumen gleich neben der Zentrale rattert, rasselt und kracht es. In der Luft hängt ein Geruch von Maschinenöl und erhitztem Metall. Jens Wahl, kaufmännischer Geschäftsführer von Norma Deutschland, muss seine Stimme heben, um gegen den Lärm anzusprechen und zeigt auf eine Maschine, aus der in hoher Geschwindigkeit Schellen schießen: „Bis zu 70 Stück pro Minute. Meist mehr als eine in der Sekunde.“ Gleich darauf erläutert er, warum sich solche Massenproduktion am Hochlohnstandort Deutschland noch lohnt. „Wir haben ein sehr hohes Know-how unserer Arbeitskräfte, allesamt Experten auf ihrem Gebiet, und praktisch keine Fluktuation: Mitarbeiter, die meist seit 20 bis 30 Jahren dabei sind.“ Das steigere seit Jahren ihre Produktivität. Damals arbeiteten sie noch für das Familienunternehmen Rasmussen, das im Norma-Konzern vor etwa fünf Jahren aufging. Inzwischen federt auch Norma Auftragsspitzen mit Leiharbeitern ab. Sie machen zehn Prozent der Beschäftigten aus. Insgesamt versucht die Betriebsleitung, möglichst viele Kompetenzen im eigenen Hause zu belassen, auf Outsourcing zu verzichten. „Das bedeutet weniger Abhängigkeit von externen Zulieferern“, sagt Daphne Recker, Pressesprecherin des Unternehmens.

Hybrid- und Elektromotoren sind neue Herausforderungen

Norma nahm seine Anfänge als Zulieferer der Automobilindustrie, die bis heute das bedeutendste Standbein ist. Aber inzwischen kreuzt die Queen Elizabeth, eines der größten Passagierschiffe der Welt, ebenso mit Befestigungsschellen von Norma durch die Ozeane wie die Ariane-Rakete, die mit ihnen in den Weltraum fliegt. Bis zu zwei Meter Durchmesser zählen Befestigungsschellen der Maintaler Ingenieure. Mit anderen Größenordnungen befasst sich das „Brot- und Buttergeschäft“ von Norma. Für die Autos müssen immer leichtere Komponenten gefunden werden, die auch noch möglichst preisgünstig sein sollen. Hybrid- und Elektromotoren stellen die Ingenieure von Norma ebenfalls vor neue Herausforderungen.

In der größten der insgesamt sechs Fabrikhallen des Stammsitzes leuchtet derweil auf einer digitalen Anzeige die Zahl 3 750 auf. So viele Befestigungsschellen produzieren die Arbeiter gerade in der Stunde, darüber steht die Vorgabe 3 500. Man ist im Soll. „Bis zu 350 Millionen Schellen stellen wir in Maintal im Jahr her“, sagt Deggim und ergänzt: „Wir haben hier den größten Ausstoß an Schneckengewindeschellen in der Welt.“ Bei den Details wird es schnell sehr technisch. Von den Schellen, die allgemein zur Befestigung von Leitungen und Schläuchen gebraucht werden, gibt es eine Vielzahl an Unterarten.

Schwierigkeiten mit der Maintaler Lokalpolitik macht Deggim nicht aus. Die Drähte zu Bürgermeister und Landrat seien gut. Als im Jahr 2009 die komplette deutsche Industrie in die Krise rutschte, habe es einen regen Austausch gegeben: „Damals war schon eine gewisse Unruhe da. Da waren die Kontakte zur Lokalpolitik sehr hilfreich.“ Die Maintaler Politiker dürften auch Deggims klares Bekenntnis zum Standort und gegen kurzfristige Produktionsverlagerungen gerne hören: „Wir wollen nicht einfach Lohnkosten ausnutzen.“ Mit dieser Einstellung wird der Ingenieur Deggim in Zukunft vielleicht so manchen Spagat ausstehen müssen.

Quelle: op-online.de

Kommentare