Prominente auf Frankfurter Hauptfriedhof

Die oberen Zehntausend der Totenstadt

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Stadthistoriker Björn Wissenbach.

Frankfurt - Die Millionenstadt der Toten ist eingerahmt von pulsierendem Leben. Von Michael Eschenauer 

Auf Friedberger Landstraße, Maybachstraße, Nibelungenallee und Eckenheimer Landstraße tost der Autoverkehr, in dem 80 Hektar großen Areal dazwischen ruhen in geschätzten 80.000 Gräbern mindestens 2,5 Millionen Tote. Der Frankfurter Hauptfriedhof ist das größte Denkmal der Mainmetropole.

Das Grab des bekannten Arztes Alois Alzheimer. (Bild vergrößern) 

Die Farbe der Totenstadt ist Grün. Seit ihrer Eröffnung im Jahre 1828 ist hier aus zahllosen Bäumen und Pflanzen ein wunderschöner Park und eine grüne Lunge entstanden. Wer im angrenzenden Nordend lebt, braucht zum Wandern eigentlich nicht wegzufahren, stehen ihm doch über 60 Kilometer Wege zur Auswahl. Bestückt mit kulturhistorischen Kleinodien an jeder Wegbiegung. Zum Vergleich: Frankfurts größter Park, der Grüneburgpark, misst gerade mal 29 Hektar.

Stadthistoriker Björn Wissenbach ist hier oft unterwegs - und er zeigt für „Frankfurter Stadtevents.de - Führungen & Events der anderen Art“ regelmäßig Besuchergruppen den im Laufe der Jahrzehnte mehrfach vergrößerten Friedhof. „Laufen Sie einfach mal an einem schönen Tag los. Sie finden immer sehenswerte Dinge“, rät er auch Auswärtigen. Zu jeder Jahreszeit sei die Anlage faszinierend. Die sich stets verändernde Belaubung gestalte durch Licht und Schatten und schaffe immer wieder neue Sichtachsen und Einblicke. Wissenbach empfiehlt auch den alten jüdischen Friedhof an der Rath-Beil-Straße für einen Besuch. Dies sei ein „wunderschöner lyrischer Ort“. Für ihn ist der Hauptfriedhof ein - trotz der vielen Toten - lebendiges Geschichtsbuch der Stadt.

Blick in das Mausoleum von Friedrich Ludwig von Gans. Es ist öffentlich zugänglich und befindet sich am Ende des Lindenwegs.

Dies gelte insbesondere für die Gräber der Prominenten. Die älteren Datums sind zu finden in der Gruftenreihe, die jüngeren ab 1909 im oder rund um den Ehrenhain in Sichtweite der Trauerhalle. Im Ehrenhain ruht zum Beispiel Franz Adickes, Frankfurter Oberbürgermeister von 1891 bis 1912. Ein großer, steinerner Sarkophag schmückt seine Grabstätte. „Dies ist eine Art Scheingrab“, sagt Wissenbach, denn Adickes liege nicht in dem steinernen Behältnis, sondern darunter. Nebenan ist das Grab des politischen Journalisten und Bühnendichters Adolf Stolze zu sehen. Er war der Sohn des Frankfurter Mundart-Dichters und Schriftstellers Friedrich Stolze (es will merr net in mein Kopp enei: wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!). Auch Heinrich Ludwig Kleyer (1853 bis 1932) liegt hier. Er war Konstrukteur, Maschinenbauer und gründete die erste deutsche Fahrradfabrik, aus der später die „Adler Fahrradwerke“ im Gallusviertel hervorgingen. Nicht weit entfernt finden sich die Ruhestätten des Bremsen-Entwicklers und Unternehmers Alfred Teves (1868 bis 1953), des Verlegers und Leiters des Suhrkamp-Verlags Siegfried Unseld (1924 bis 2002) und der Dichterin und Historikerin Ricarda Huch (1864 bis 1947) . Das Grab des Flugpioniers und Besitzers eines Flugzeugwerks, August Euler (1868 bis 1957), erkennt man an dem stilisierten halben Propeller am Grab. Einem anderen Fluglehrer aus den 1920er und 30er Jahren stellten seine Schüler einen hölzernen Propeller aufs Grab. „Der ist heute allerdings schon ziemlich verrottet“, so Wissenbach.

Auffällig ist das Grabmal von sieben Opfern der „Hindenburg“-Katastrophe. Der Zeppelin LZ 129 stürzte am 6. Mai 1937 bei Lakehurst (New Jersey) ab. Da sich sein Heimatflughafen in Frankfurt befand, brachte man die sterblichen Überreste der Opfer auf den Hauptfriedhof. Eine hohe Kalksteinstele mit dem eingemeißelten Luftschiff erinnert an sie. Auch für die Absturzopfer der Fluglinie Birgen Air am 6. Februar 1996, deren Maschine vor der Küste der Dominikanischen Republik ins Meer stürzte, gibt es in Frankfurt eine Gedenkstätte.

Ins Auge springt das Mausoleum der Familie des Großindustriellen, Mäzens und Cassella-Teilhabers Friedrich Ludwig von Gans (1833 bis 1920). Es wurde im Jahre 1932 durch den Frankfurter Verein für Feuerbestattungen übernommen. Nach wie vor können Familien, die ein Urnengrab suchen, hier freie Plätze in der unterirdischen und frei zugänglichen Anlage nutzen. Gans entstammte einer alten jüdischen Familie und konvertierte später zum Protestantismus. Für Wissenbach ist die größtes Grabstätte auf dem Hauptfriedhof nicht nur Beweis für geglückten Historizismus, sondern auch ein Zeugnis dafür, dass schon immer alle Konfessionen hier Zugang hatten. Dies war bei der Gründung 1828 eine große Neuerung, so Wissenbach.

Auf dem Hauptfriedhof gibt es viele Grabstätten für spezielle Berufsgruppen. Hier wurden katholische Pfarrer beerdigt.

Damals habe es ausschließlich „Körperbestattungen“ gegeben, Verbrennungen waren nicht erlaubt. Überhaupt sei eine Urnenbestattung bis zum Zweiten Weltkrieg sehr ungewöhnlich gewesen, berichtet Wissenbach. In der heutigen Zeit betrage die Liegefrist der Toten 20 Jahre. Werde dann das Grab aufgegeben, springe man beim Anlegen einer neuen Grabstätte eine halbe Parzelle weiter, so dass die Toten weitere 20 Jahre ungestört blieben. Danach würden etwaige Knochenfunde auf den Grund der neuen Grube gelegt. In Frankfurt sorge der schwere Lehmboden dafür, dass die Toten nur langsam zerfallen würden.

Spezielle stilistische Vorlieben sind bei den nie gezählten Prominentengräbern in Frankfurt nicht festzustellen. Allerdings gab es eine Blütezeit des Prunks mit griechischen Säulen und antiken Monumenten, beginnend mit dem Zweiten Deutschen Kaiserreich ab 1871 bis zum absoluten Höhepunkt Ende des 19. Jahrhunderts. „Es war eine Frage des Geldes und des Stils. Auch Leute, die nicht berühmt waren, haben protzig gebaut. Andere, die vielleicht wirklich prominent waren, blieben bescheiden“, sagt Wissenbach. Als Beispiel führt er die bescheidene Grabstätte des berühmten Nervenarztes und Schriftstellers (Struwwelpeter) Heinrich Hoffmann an. Als für ihn wichtigste fünf Persönlichkeiten, die ihre letzte Ruhestätte auf dem Frankfurter Hauptfriedhof gefunden haben, nennt der Stadthistoriker Theodor W. Adorno, Matthias Beltz, Ludwig Albert Hahn, Ricarda Huch und August Euler.

Besonders beeindruckt hat Wissenbach das Leben von Karl Kotzenberg. Geboren im Jahr 1866 stieg er zum Besitzer der Seidenwarenfabrik Passavant & Söhne auf. Seine kaufmännische Ausbildung hatte ihn nach New York geführt, was den Grundstein zu einer starken Verbundenheit mit den Vereinigten Staaten legte. Der reiche Mann, der in einer Art Nachbildung der Wartburg auf dem Gelände des heutigen Instituts für Sozialforschung wohnte, profilierte sich als Mäzen und Stifter. So legte er unter anderem die Grundlagen des Instituts für Nordamerika-Forschung der Goethe-Universität und stiftete den Lehrstuhl für Soziologie an der Hochschule. Die Frankfurter nannten die „Wartburg“, die Wissenbach heute als „neoromanisches Machwerk“ einstuft, despektierlich „Kotzenburg“.

Bestattung auf Britisch

Bestattung auf Britisch

Das Schicksal des Fachmannes für Groß- und Außenhandel, der in zahlreichen Kommissionen als Berater wirkte, begann sich mit der Wirtschafts- und Inflationskrise von 1923 zu wenden. Konnte er hier immerhin einen Teil seines im Ausland befindlichen Besitzes retten, waren Seidenfirma, Macht und Pracht mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 endgültig dahin. Die „Kotzenburg“ wurde verkauft, Kotzenberg und seine Frau Anna blieb ein Wohnrecht in zwei Mansardenzimmern und täglich ein warmes Mittagessen in einem Altenheim. Der einst vermögende, stadtbekannte Homosexuelle, der - wohl auch um mit seiner Neigung in der Frankfurter Gesellschaft akzeptiert werden, zum Wohltäter wurde - starb verarmt und als Alkoholiker im Jahre 1940. So blieb es ihm erspart, die Zerstörung seiner geliebten „Kotzenburg“ im alliierten Bombenhagel zu erleben.

Quelle: op-online.de

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