In Finanzmetropole: 20 Prozent der Frankfurter sind arm

Frankfurt ‐ Es grenzt an Ironie, dass gerade in Deutschlands Finanzmetropole Frankfurt die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht. Auch der Begriff „Unmoral“ fiel bei der vierten Bürgerversammlung in dieser Wahlperiode im Rathaus Römer, bei der am Mittwoch Abend nach Erklärungen und Lösungen für die zunehmende Armut gesucht wurde. Von Leah Junck

Die erschreckende Zahl des Abends: 20 Prozent der Menschen in Frankfurt gelten als arm, die steigende Zahl der Grenzfälle zur Abhängigkeit von städtischer oder staatlicher Unterstützung nicht inbegriffen. Gleichzeitig leben 12 Prozent der Frankfurter in Reichtum und Wohlstand. Viel sei bereits getan worden, um ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern, beteuerte Stadträtin Daniela Birkenfeld (CDU). Besonders rühmte sie den „Frankfurt-Pass“, der Menschen ohne Einkommen Rabatte für verschiedene Veranstaltungen und auf RMV-Tickets gewährt. Auch den Jobcentern, die „zeitlose“ Berufe wie Erzieher oder Altenpfleger empfehlen würden, sprach sie ein Lob aus.

Um den sozialen Frieden zu bewahren und der verfehlten Integrationspolitik für Migranten entgegenzuwirken, so Birkenfeld, müsse man auf Bildung setzen. Eine Reaktion auf dieses Zauberwort blieb im Saal allerdings weitgehend aus. Es geht wohl nach Meinung vieler Menschen den Politikern allzu häufig und leicht von den Lippen, ohne dass Taten folgen würden.

Der Vorschlag „mehr Bildung“ überzeugt nicht viele

Etwas Konkreteres wollten die Zuhörer und hatten nicht nur Kritik, sondern auch Lösungsvorschläge parat. Die zunehmende Privatisierung des Gesundheitswesens sei für arme Menschen genauso belastend wie Stadtteile, in denen es keine günstige Einkaufsmöglichkeit gäbe. Auch die Stichworte: steigende Mieten, Mangel an bezahlbaren Wohnungen (es gibt lediglich 34 000 Sozialwohnungen in Frankfurt) und zu geringes Wohngeld sorgten für emotionsreiche Beiträge. Nach Bildung zu schreien und dann die Stadtteil-Bibliothek im Riederwald zu schließen oder für die von Birkenfeld gelobten Ganztagsschulen Summen zu verlangen, die bei einem Harz-IV-Empfänger allenfalls ein resignierendes Lächeln hervorrufen könnten - all das sei inkonsequent.

Perspektivlosigkeit unter vielen Jugendlichen

Anstatt darauf zu beharren, dass die 2500 arbeitssuchenden Jugendlichen einfach nicht zu den angebotenen Stellen passten, solle lieber an der Beratungskompetenz im Jobcenter gefeilt werden. Behinderte meldeten sich zu Wort und berichteten, wie lange sie bereits auf Arbeitssuche seien und dass sie sich, genau wie viele Senioren, gesellschaftlich ausgeschlossen fühlten. Hinzu komme, dass sie sich wegen der hohen Fahrpreise selbst mit dem Frankfurt-Pass den Bus nicht leisten könnten. Überraschend fanden es die Bürger an diesem Abend nicht, dass die Armut zunimmt, der Fachkräftemangel steigt, und sich Perspektivlosigkeit unter vielen Jugendlichen breit macht. „Das ist nicht erstaunlich, so lange immer mehr Menschen mit dem Gefühl leben müssen, sie seien nicht mehr wert als einen Ein-Euro-Job oder Harz-VI“, bemerkte ein Zuhörer.

Quelle: op-online.de

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