Rechtsanwalts Rat für „ruhelosen“ Rentner

Dieburg - Gerichtsprozesse sind für die meisten nicht professionellen Beteiligten aufregend. Für manch einen Angeklagten sogar derart dramatisch, dass er die Hilfe der Pharmaindustrie braucht. Der 72-jährige Gerhard S. aus Dieburg ist so ein Kandidat. Von Silke Gelhausen-Schüßler 

Am Vorabend seiner mindestens vierten Begegnung mit der Justiz – diesmal wegen Nötigung in Tateinheit mit versuchter gefährlicher Körperverletzung – lässt er sich eine Spritze geben, morgens folgt zur Sicherheit noch eine Beruhigungstablette. So übersteht der Herzkranke den kurzen Prozess einigermaßen unbeschadet. S. war am 29. Juli 2013 am Amtsgericht Dieburg zu 1200 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Gegen das Urteil legten der Angeklagte und die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Donnerstag trafen sich die Parteien vor der 14. Strafkammer in Darmstadt, nach einer Stunde zogen beide ihre Rechtsmittel zurück. Damit wird das Urteil mitsamt sechsmonatigem Führerscheinentzug rechtskräftig.

S. wird vorgeworfen, mit seinem Opel Corsa in einer schmalen Dieburger Straße auf drei Polizeibeamte und einen gesuchten Straftäter zugefahren zu sein, so das zwei der Personen zur Seite springen mussten. Dabei soll er gehupt und gerufen haben, er sei der Graf Koks und dies sei seine Straße hier. Wenn er hupe, hätten andere gefälligst Platz zu machen. Verletzt wurde bei der Wildwest-Aktion zwar niemand, S. nahm diese Möglichkeit jedoch billigend in Kauf.

Trotz der chemischen Hilfsmittel schafft es der Rentner nicht ganz, die Ruhe zu bewahren. Aufgebracht und von seiner Wahrheit absolut überzeugt, schildert er dem Richter folgende Version der Geschichte: An besagtem Tag sei er nachmittags heim gekommen und wollte wie gewohnt in seine Garage auf dem Kirchplatz fahren, wofür er eine Ausnahmegenehmigung besitzt. Die normale Einfahrt über die Steinstraße sei durch ein Polizeifahrzeug blockiert gewesen, weshalb er die schmale Zufahrt von der Pfarrgasse im Rückwärtsgang habe nehmen müssen. Dort sah er im Spiegel vier Personen stehen. „Die Gass’ ist breit genug, da passen ein Auto und Fußgänger locker aneinander vorbei!“, so S. vor Gericht. Im Schritttempo rollte er durch die Gasse, beim Einlegen des Gangs sei er versehentlich auf die Hupe gekommen. Plötzlich haue jemand auf sein Autodach, worauf S. anhielt. Polizist G. habe erklärt, er habe hier nichts zu suchen. „Meinen Behindertenausweis und die Sondergenehmigung wollte der gar nicht sehen,“ so der Rentner, „dafür aber die Fahrzeugpapiere. Als ich die nicht heraus geben wollte, droht er mir, er könne auch anders und fasst an die Pistole!“ Außerdem habe der Beamte ihn als Psychopath bezeichnet: Er wolle dafür sorgen, dass S. in eine Anstalt komme und nie wieder Auto fahren dürfe. Dann habe G. die Fahrertür fest zugeknallt.

Angeklagter glaubt an Verschwörung

Selbst Verteidiger Helmut Bäcker nimmt seinem Mandanten diese Story nicht ab. Dazu der Seitenhieb des Angeklagten: „Wer sich keinen guten Anwalt leisten und keine Zeugen bezahlen kann, der verliert halt immer! Das war schon drei Mal so.“

Die vorletzte Verhandlung sei eine wahre Verschwörung gegen ihn gewesen. Und sein nächstes Problem: Aufgrund schmaler Rente und seiner eingeschränkten körperlichen Beweglichkeit kann er weder die Geldstrafe noch eine gemeinnützige Ersatzarbeit ableisten. Außerdem sei ihm nach 50 Jahren unfallfreier Fahrt jetzt auch noch die Mobilität genommen. S. hält für seine Opfer-Problematik aber eine radikale Lösung bereit: „Ich besorg mir eine Pistole und erschieß mich, man wird ja von der Justiz dazu gezwungen.“

Um dem Drama ein Ende zu setzen, rät der Richter eindringlich zu einer Berufungsrücknahme, sonst stehe von Seiten der Oberstaatsanwältin Heike Thomas noch ein wesentlich längeres Fahrverbot im Raum. Der Verteidiger braucht kaum mehr als eine Minute, um S. von diesem Vorschlag zu überzeugen. Bäcker: „Er nimmt den Rat an, obwohl dies nicht seinem Willen entspricht. Ich habe ihn davon überzeugt, dass dies für ihn das Beste ist.“

Quelle: op-online.de

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