Prozess gegen Ali B.

„Man muss an die Hinterbliebenen denken, nicht nur an die Täter“

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Schwerer Gang: die Mutter der ermordeten Susanna vor der Urteilsverkündung.

Rudolf-Lothar Glas hat die Mutter der ermordeten Susanna ein Jahr lang begleitet. Erfolglos hatten Rechte versucht, ihn und den Weißen Ring zu instrumentalisieren.

Nach 16 Verhandlungstagen hat das Landgericht Wiesbaden am Mittwoch Ali B. für den Mord an der 14-jährigen Susanna zu lebenslanger Haft verurteilt. Lob gab es für den Weißen Ring, der die Hinterbliebenen betreute.

Herr Glas, wie hilft man einer Mutter, den Prozess zu ertragen?
Wir arbeiten zwar ehrenamtlich, haben aber alle eine Grundausbildung in Psychologie. Diese Menschen zeigen erfahrungsgemäß Stressreaktionen, Frau F. war psychisch sehr stark belastet. Wir versuchten von der ersten Minute an, ihr menschlich zu helfen.

Wo fängt man da an?
Erst mal gibt es Soforthilfe. Ein bisschen Bargeld, um die tatbedingten Ausgaben zu stemmen. Wer kein Auto hat, ist ja in der Bredouille. Man muss mit dem Bestatter Kontakt aufnehmen, mit den Anwälten. Wir begleiten auch zur Vernehmung, zum Bestattungsinstitut. Oder zur Bank. Da sind wir menschlich dabei. Versuchen, sie zu entlasten.

Wie gewinnen Sie Vertrauen?
Bei einer so schlimmen Traumatisierung dauert das eine gewisse Zeit. Wir versuchen die Menschen so zu leiten, dass sie wieder einigermaßen ins Leben zurückkommen können. Das ist unser Ziel. Wir wollen immer eine Zukunftsperspektive entwickeln. Das ist uns in diesem Fall gelungen.

Der Richter hat der Mutter seinen Respekt gezollt. Haben Sie Frau F. vorbereitet?
Ja. Einen Tag vor Prozessbeginn haben wir sie und ihren Lebensgefährten in den Gerichtssaal geführt, damit sie sehen, wie es dort aussieht. In der Regel wissen die Menschen ja nicht, wo der Richter sitzt, der Staatsanwalt. Die Vorbereitung hilft, Angst zu nehmen vor dem schlimmen Ort, an dem alles wieder hochkommen wird.

Wie haben Sie Frau F. beim ersten Treffen erlebt?
Sehr niedergeschlagen. Sie hat sich Vorwürfe gemacht, hatte Schuldgefühle. Der Vorteil war ihr starker Lebenspartner, der sie in allem unterstützt. Uns ist es gelungen, ihr mit Einzelgesprächen zu Hause eine Perspektive zu vermitteln. Wir können das nicht rückgängig machen, aber versuchen, die Familie zu entlasten. Wir machen das aber nicht alleine. Der Weiße Ring hat auch Kontakt zu ausgebildeten Traumatologinnen, die weiterhelfen.

Wie kam der Kontakt zum Weißen Ring zustande?
Als die Tote gefunden wurde, hat die Kriminalpolizei uns verständigt. Sie hatte der Mutter unsere Telefonnummer gegeben. Noch am selben Abend wurden wir angerufen und sind zu der Familie nach Mainz gefahren.

Es gab ein großes Medienecho. Hat das die Mutter belastet?
Sie hat alles mitbekommen, ist auch viel in den neuen sozialen Medien unterwegs. Gemeinsam mit den Anwälten haben wir versucht, sie davon abzuhalten, in jedes Mikrofon zu sprechen. Im ersten Moment hat sie mit jedem geredet. Das ist auch eine Traumabewältigung. Aber leider Gottes führt das nicht zur Verbesserung ihrer Situation. Sie hat dann nur noch ein Statement gegeben, als sie selbst vernommen wurde.

Und nach dem Urteil.
Ja, das war so abgesprochen. Das hat sie sehr, sehr gut gemacht. Auch da hatte sie Beistand von ihrem Mann.

Wie geht es weiter?
Selbstverständlich werden wir sie weiter betreuen. Es gibt immer mal etwas, wo man helfen muss. Wenn das schriftliche Urteil kommt, werden wir es mit ihr durchsprechen, damit es zu einem Neuanfang kommt. Ich habe ihr gesagt: Sie haben einen tollen Lebenspartner, ein knapp sechsjähriges Kind. Sie haben eine Zukunft. Das ist zwar schwer angesichts des Verlustes. Aber Sie haben einen Auftrag. Den haben Sie jetzt zu erfüllen.

Hat der Prozess ihr geholfen?
Ja. Er hat sehr geholfen. Das Gericht hat uns einen speziellen Zugang ermöglicht, weil sie Angst vor den Kameras hatte. Nach dem Urteil war sie wie befreit. Das ist auch eine Art Bewältigung. Schlimm wurde es, wenn gewisse Zeugenaussagen kamen oder die Gerichtsmedizin da war. Wenn sie da nicht dabei sein wollte, sind wir mit ihr rausgegangen.

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Der Fall wurde auch politisch ausgeschlachtet.
Ja, und zwar massiv. Diese rechtsaußen Gruppen haben gehofft, dass der Weiße Ring in ihrem Sinne Stellung bezieht. Da hatten sie bei mir kein Glück. Ich betreue ausschließlich Menschen, denen etwas Schlimmes passiert. Ich lasse mich nicht vor deren Karren spannen. Diese Kreise versuchen, großen Wind gegen Flüchtlinge zu machen. Mir ist es egal, wer auf der Anklagebank sitzt. Er hat die volle Härte des Gesetzes zu spüren, um den Hinterbliebenen gerecht zu werden.

War der Fall etwas Besonderes?
Eigentlich ja, weil ein 14-jähriges Mädchen Opfer wurde. Aber ich habe auch die Eltern der 22-Jährigen Jolien betreut, die vor fünfeinhalb Jahren ermordet wurde. Und den Mann, dessen Frau kurz vor Weihnachten in dem Kiosk erschossen wurde. Wir kümmern uns auch um die Eltern der Elfjährigen, die der jetzt Verurteilte vergewaltigt haben soll.

Sie machen das ehrenamtlich, finanzieren sich durch Spenden. Fühlen Sie sich gut unterstützt?
Wenn ich Politikern unsere Arbeit schildere, sind sie verwundert, was wir alles machen. Ich erwarte von ihnen, dass sie nach ihren Möglichkeiten die Opferhilfe verbessern. Der Täter hat alles – Vollpension, Muckibude, Pflichtverteidiger, Sozialbetreuer. Und unsere Hinterbliebenen haben außer dem Weißen Ring und vielleicht einem Psychologen niemanden. Sie müssen sich alles erkämpfen. Das Opferentschädigungsgesetz muss dringend verbessert werden. Man muss auch an die Hinterbliebenen denken, nicht nur an die Täter.

Interview: Jutta Rippegather

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