„Das ist eine Zumutung“

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Als er jetzt die neuen Lernstandserhebungen für Drittklässler in Hessen unter die Lupe nahm, muss ihm Zornesröte ins Gesicht gestiegen sein.

Offenbach - Wenn es um Grundfragen des Mathematikunterrichts an deutschen Schulen geht, dann kennt sich Professor Erich Wittmann von der Technischen Universität Dortmund bestens aus. Von Peter Schulte-Holtey

Seit Jahrzehnten gehört er zu den international herausragenden Köpfen, die sich in Lehre und Forschung mit der Gestaltung des Schulfachs Mathe befassen. Als er jetzt die neuen Lernstandserhebungen für Drittklässler in Hessen unter die Lupe nahm, muss ihm Zornesröte ins Gesicht gestiegen sein.

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„Lernstandserhebungen dieser Art sind ein klarer Verstoß gegen den Vertrauensschutz“, schrieb er an Kultusministerin Dorothea Henzler: „Von Lernenden  auf welcher Stufe auch immer kann man nur Leistungen in Themen fordern, die im Unterricht gründlich behandelt wurden. Bei vielen Aufgaben der vorliegenden Lernstandserhebungen müssen die Kinder sich über teils lange Texte mit dem jeweiligen Zusammenhang vertraut machen, noch dazu in einer Prüfungssituation unter Zeitbegrenzung.“ Professor Wittmann hält das für eine Zumutung.

„Texte gehen an Erlebniswelt der Kinder vorbei“

Kritik kommt von allen Seiten: Nach der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hatte auch die Lehrerorganisation Verband Bildung und Erziehung die neuen Lernstandserhebungen für Drittklässler kritisiert. Und beim hessischen Schulleiter-Verband IHS heißt es in einer Protestnote: „Die Aufgabenstellungen sind vom Umfang und dem Textniveau zu anspruchsvoll und übersteigen den im Schulgesetz vorgegebenen Zeitrahmen für Klassenarbeiten (...) Die ausgewählten Texte gehen an der Erlebniswelt der Kinder vorbei und zeigen wenig Verbindung zu ihrem Wortschatz. Leseschwache Kinder und Kinder mit Migrationshintergrund werden deutlich benachteiligt. Auch der mathematische Bereich ist zu textlastig.“

Im Ministerium in Wiesbaden versucht man derweil, den „Schwarzen Peter“ der Kultusministerkonferenz (KMK) zuzuschieben. „Die bundesweit durchgeführten KMK-Lernstandserhebungen stammen aus dem Bereich der verbindlichen KMK-Standards. Wir werden die Rückmeldungen aus den Schulen sorgfältig analysieren und Kritik an den Lernstandserhebungen in der KMK zur Diskussion stellen“, meinte Henzlers Sprecher Alexander Hirt.

Für die Opposition ist der Disput in Hessens Bildungspolitik natürlich ein gefundenes Fressen. „Alle Jahre wieder führt eine neue Prüfungspanne zu hektischen Reaktionen der Kultusministerin, um den angerichteten Schaden zu reparieren“, stichelte die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Heike Habermann gestern in der Landtagsdebatte über die verkorkste Mathematik-Realschulabschlussprüfung.

Mit 34 Prozent ausreichende Note

„Wenn alle Fachlehrer im Schulamtsbezirk Kassel Stadt und Land sich weigern, eine Prüfung auf Grundlage des vom Kultusministerium vorgelegten Bewertungsschlüssels durchzuführen, ist das eine verheerende Kritik an der Tauglichkeit zentraler Prüfungen“, so Habermann. Kräftiger Gegenwind kommt auch vom Schulleiter-Verband IHS. „Dass die Vorbereitungen seitens des Kultusministeriums und des Instituts für Qualitätsentwicklung (IQ) unzureichend waren, verdeutlicht die Veränderung des Bewertungsschlüssels im laufenden Korrekturverfahren im Fach Mathematik der Realschule“, heißt es: „Mit 34 Prozent der möglichen Leistungen konnte eine ausreichende Note erreicht werden - vorher 44,5 Prozent.“

Die Frage der Schulleiter: Beruhen diese Veränderungen auf der Erkenntnis mangelhafter Vorbereitungen durch die für die Erstellung der Arbeiten Verantwortlichen oder sollten die Ergebnisse „passend“ gemacht werden? Das Urteil der Lehrer: Das Ministerium gefährde die Akzeptanz der Abschlussprüfungen durch mangelhafte Vorbereitungen.

Quelle: op-online.de

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