Pünktlichkeit ist relativ

Offenbach - War Ihre S-Bahn denn gestern pünktlich? Die Frage gehört ja längst zum gängigen Gesprächsauftakt beim Pendler-geplauder oder -zorn an Bahnsteigen. Von Peter Schulte-Holtey

Zug um Zug machen viele Fahrgäste dann die Erfahrung, dass das persönliche Pünktlichkeitsempfinden mit den von Verkehrsverbünden verkündeten Erfolgs-Prozentzahlen nur selten übereinstimmt. Das liegt unter anderem daran, dass eine S-Bahn erst dann als verspätet gilt, wenn sie mehr als fünf Minuten dem Fahrplan hinterherfährt. „Und dass natürlich auch die schwach genutzten Verbindungen an Sonn- und Feiertagen in die Statistik einfließen; zu diesen Zeiten funktioniert das dann deutlich ausgedünnte Netz zumeist einwandfrei“, meint ein erfahrener Pendler. Aussagen, die auch den neuen Disput um den Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) verständlicher machen.

Erst vor wenigen Tagen hatte der RMV erstaunliche Erfolgsmeldungen verbreitet: Knapp 97 Prozent der S-Bahnen und über 90 Prozent der Regionalzüge seien in den ersten drei Monaten dieses Jahres ohne Verspätung gefahren, hieß es. Es sei das beste Ergebnis seit Beginn der Auswertungen 2001. Auch die Züge der DB-Regio, die im Auftrag des RMV fahren, waren demnach zu 93 Prozent pünktlich.

„Harsche Gegenrede“ kommt jetzt von der Regionalgruppe Rhein-Main des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). „Wir haben viele Reaktionen auf die ,Jubelarien’ des RMV bekommen. Die Leute sind verärgert, denn im Alltag haben sie oft schon ganz andere Erfahrungen gemacht“, fasst VCD-Sprecher Holger Greiner seine Eindrücke im Gespräch mit unserer Zeitung zusammen. Von einer wirklich „stabilen und hohen Pünktlichkeit“, könne gerade im Bereich der S-Bahn und im Regionalverkehr noch längst keine Rede sein. Ärger gebe es zum Beispiel immer wieder auf der S-Bahnlinie 8. „Oft sind vor allem die Züge vom Flughafen völlig überfüllt“, berichtet Greiner: „Erst ab Offenbach hat man dann wieder die Chance, einen Sitzplatz zu bekommen.“

Strengere Pünktlichkeitsdefinition für S8

Dagegen erkennt RMV-Sprecher Peter Vollmer bei der S 8 eine „positive Entwicklung“ - und er verspricht: „Im Zuge der laufenden Ausschreibung der Linie wird künftig auch hier die strengere Pünktlichkeitsdefinition, also pünktlich bis 2:59 Minuten, gelten.“ Generell sei zu beachten, dass die S 8 „sehr stark ausgelastete Netzabschnitte nutzt und Knoten mit hoher Auslastung durchfährt“.

Auch der Dauerstreit um funktionierende Umsteigemöglichkeiten geht in eine neue Runde: „Das klappt zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln, aufgrund von Verspätungen, leider häufig nur unbefriedigend“, meint Greiner. Käme beispielsweise die Bahn von Hanau nach Friedberg nur wenige Minuten zu spät am Bahnhof Nidderau an, funktioniere der zeitlich äußerst knapp bemessene Anschluss an den Zug von Bad Vilbel nach Stockheim nicht mehr, so dass ein längerer Aufenthalt die Folge sei.

RMV-Frontmann Vollmer hat eine andere Sichtweise: „Im Bahnhof Nidderau gilt regelmäßig eine Umsteigezeit von vier Minuten. Zur Anschlusssicherung in den Knoten Stockheim und Bad Vilbel und umlaufbedingt können die Züge der Linie 34 - Bad Vilbel - Glauburg-Stockheim - nicht auf verspätete Züge der Linie 33 Friedberg - Hanau warten. Züge der Linie 33 warten, sofern in der Folge keine Anschlüsse in den wichtigen Knoten Hanau und Friedberg verpasst werden und es die Trassenbelegung zulässt.“

Wenig Hoffnung um bessere Anschlüsse

Und dann erklärt Vollmer noch, warum man sich beim Konflikt um bessere Anschlüsse nicht zu viel Hoffnung machen sollte: „Im RMV findet der sogenannte ,Integrale Taktfahrplan’ Anwendung, bei dem sternförmig Linien in Knoten ein- und ausfahren, um optimale Anschlussbeziehungen zu ermöglichen; betriebliche und infrastrukturelle Zwänge lassen jedoch an einigen Stellen keinen unmittelbaren Anschluss zu.“

Positiver stimmt die Antwort Vollmers zur versprochenen Änderung in der Tarifstruktur: „Ziel ist es Ungereimtheiten, die sich im Laufe der 15 Jahre seit Verbundgründung entwickelt haben, zu beseitigen und den Nutzen und die Preiswürdigkeit aus Sicht der Fahrgäste zu erhöhen, ohne die finanzielle Basis und die Auskömmlichkeit aus den Auge zu verlieren.“ Anders gesagt: Reformen bei den Tickets werden kommen, aber die Einnahmen müssen stimmen. Noch ist der Kostendeckungsgrad für die beteiligten Kommunen im RMV-Bereich vergleichsweise gut; ihr Beitrag am Verkehrsverbund ist relativ stabil geblieben. Mehrkosten müssten ja von den Kommunen aufgebracht werden. die für das Angebot eine Abgabe an den RMV berappen. So zahlt beispielsweise die Stadt Offenbach jährlich rund 1,2 Millionen Euro für den regionalen Schienenverkehr (Stand Ende 2010).

Quelle: op-online.de

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