Radfahren in Hessen ohne Lobby

Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit?

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Wiesbaden - In Frankfurt oder auch Darmstadt ist Radfahren schon seit Jahren wieder voll im Trend: Doch insgesamt liegt Hessen im Radverkehr hinten. Jetzt will das Verkehrsministerium in die Pedale treten.

Im Hof des Landtags im alten Wiesbadener Stadtschloss stehen meist schwarzglänzende Limousinen mit wartenden Chauffeuren: Wer mit dem Fahrrad ankommt, ist absoluter Exot. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass in Parlament und Regierung der Landeshauptstadt das Fahrrad lange keine Fürsprecher hatte. Dagegen sind in Städten wie Frankfurt, wo Radfahren zur Massenbewegung geworden ist, inzwischen auch viele Banker mit dem neuen Lifestyle-Produkt unterwegs. In Sachen Radverkehr liegt Hessen in fast allen Statistiken bundesweit hinten. Nur 11 Prozent Radwege gibt es entlang von Landesstraßen - in Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind es mehr als 50 Prozent.

In Hessen entfallen auf das Rad als Verkehrsträger nur sieben Prozent - bundesweit sind es 11 Prozent. Auch bei der Vernetzung von Bussen und Bahnen mit dem Fahrrad ist Hessen unter den Schlusslichtern. Jetzt soll aber alles anders werden. Anfang Juli hat der grüne Verkehrsminister Tarek Al-Wazir in seinem Haus eine "Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität" gegründet, die das Rad zusammen mit dem Fußgängerverkehr aus dem Schattendasein führen soll. Die AGNH soll die Aktivitäten von Land und Kommunen vernetzen - mit Hilfe von Hochschulen und Verbänden. Dass Hessen großen Nachholbedarf hat, darüber sind sich ausnahmsweise sogar Regierung und Opposition einig - sieht man mal von der FDP ab. Deren Minister waren früher unter Schwarz-Gelb für den Verkehr verantwortlich.

Vier Millionen Euro für neue Radwege

Die im Etat vorgesehenen vier Millionen Euro für neue Radwege an den Landstraßen wurden aber dafür nur etwa zur Hälfte ausgeschöpft. Jetzt feiert es Schwarz-Grün schon als Erfolg, dass die Gelder künftig dorthin fließen, wofür sie auch gedacht sind. 90 Kilometer neue Radwege sollen jetzt jährlich gebaut werden. Das Land wird außerdem mit sieben Millionen Euro den Radverkehr in den Kommunen unterstützen, rund acht Millionen aus Bundesmitteln werden zusätzlich in Städte und Gemeinden weitergeleitet. Noch wichtiger als Geld sind aus Sicht des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) aber neue Ideen. "Die Einrichtung von Tempo-30-Straßen kann den Bau von Radwegen ersparen", sagt ADFC-Geschäftsführer Norbert Sanden. Er fordert ein Umdenken: Statt dem weiteren Bau von Radwegen müssten Fahrräder in den fließenden Verkehr eingebunden werden - mit Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit. Autos könnten beispielsweise ganze Fahrbahnen an den Radverkehr abtreten - wie etwa in Darmstadt.

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Frankfurt hat den Radverkehr in den vergangenen Jahren deutlich auf nunmehr 15 Prozent am Gesamtverkehr gesteigert - auch weil Einbahnstraßen für Räder in die entgegengesetzte Richtung geöffnet wurden. Dies könnte nach Meinung des ADFC auch von anderen Kommunen übernommen werden. Frankfurt hat es im vergangenen Jahr im bundesweiten Fahrradklima-Test des ADFC immerhin auf Platz acht unter den Städten mit über 200.000 Einwohnern geschafft. Ausgerechnet die Landeshauptstadt Wiesbaden war Deutschlands Schlusslicht in dieser Kategorie. Fahrradfreundlichste Städte Hessens sind dem Test zufolge Mörfelden-Walldorf, Baunatal und Heusenstamm. Und in einem Punkt schneidet das Land auch mal gut ab: Die Radfernwege sind in Hessen in guten Zustand. Das Potenzial des Rads im Verkehr scheint noch lange nicht ausgereizt. Neben der jungen urbanen Szene, für die das Fahrrad Kultcharakter hat, erreicht der Boom der Elektro-Räder ganz neue Schichten. Über eine Million Pedelecs und andere E-Bikes gibt es inzwischen in Deutschland.

dpa

Quelle: op-online.de

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