Ethnologin zeichnet ernüchterndes Bild

Radikalisierung junger Muslime in Echtzeit

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Blick in die Abubakr Moschee der Islamischen Gemeinde in Frankfurt.

Frankfurt/Wiesbaden - Drei Jahre lang hat Susanne Schröter mit streng religiösen Muslimen gesprochen, sie in die Moschee begleitet und an ihrem Alltag teilgenommen. Von Sandra Trauner 

Die Ethnologin wollte herausfinden, wie ihr Glaube ihr Leben prägt - und welche Folgen das für unsere Gesellschaft hat. Als Beispielkommune wählte sie die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden. Vor allem junge Muslime seien heute radikaler als zu Beginn des Forschungsprojekts. Aus dem Umfeld einer der Moscheen, die sie besucht hatte, sei ein 15-Jähriger in den „Heiligen Krieg“ nach Syrien gezogen, „dezidiert, um Ungläubige zu töten“, sagte Schröter.

Schröter leitet das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI). Sie interviewte 137 fromme Muslime aus 15 religiösen Einrichtungen und protokollierte die Gespräche. Ihr Ziel: „Ihren Standpunkt gewissermaßen von innen zu sehen“. Fast 100.000 Wiesbadener haben laut Integrationsdezernat einen Migrationshintergrund - rund ein Drittel der Bevölkerung. „Den“ Islam oder „den“ Muslim gibt es schlicht und ergreifend nicht“, sagt Schröter. Selbst, wenn man nur jene betrachtet, die sich als strenggläubig verstehen, sind die Unterschiede riesig: Frauen, die kein Deutsch sprechen und keinem Mann die Hand geben, und Frauen, die aus dem Kopftuch ein Modeaccessoire machen. Erfolgreiche Unternehmensberater und Analphabeten. Kinder, die in der Moschee einen beschützenden Hafen finden und Jugendliche, die ihre Eltern dafür kritisieren, nicht religiös genug zu sein.

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Während ihrer Forschung hat sich das Selbstverständnis der jungen Muslime verändert: „Die Identifikation [mit dem Islam] ist zurzeit sehr viel stärker als noch vor einigen Jahren.“ Was Schröter beunruhigt, ist, dass so viele junge Muslime sich radikalisieren. Nicht wenige hätten ihr erzählt, sie hörten lieber die charismatischen salafistischen Prediger als die langweiligen Moschee-Imame. „So treiben sie einen ultraorthodoxen, in weiten Teilen sogar fundamentalistischen Islam voran.“

Der CDU-Landtagsabgeordnete Ismail Tipi zitiert eine Videobotschaft des salafistischen Hasspredigers Pierre Vogel. Darin ruft er seine Anhänger gezielt auf, die Moscheen in Deutschland „einzunehmen und zu erobern“. Viele Gemeinden hätten es schwer, Vorstände zu besetzen, das mache es den Radikalen leicht, sich in die Moscheen einzuschleichen, sagt Tipi: „Wenn wir nicht handeln, wird er seine salafistische Gesinnung unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit den Gemeindemitgliedern diktieren.“

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Im letzten Teil ihres Buches „Gott näher als der eigenen Halsschlagader“, erschienen im Campus-Verlag, nimmt Schröter die Integrationsmaßnahmen der Stadt Wiesbaden unter die Lupe. Die Bilanz ist ernüchternd. Ein Beispiel ist die Integrationsvereinbarung von 2007. Sie brachte den Gemeinden Erleichterungen beim Moscheebau, Förderprogramme und mehr Teilhabe. Die Kommune erhoffte sich im Gegenzug mithilfe der Gemeinden bei der Eindämmung des Extremismus. „Dieses Ziel wurde jedoch nur unzureichend erreicht“, urteilt Schröter in ihrem Buch.

Was wäre aus ihrer „Innensicht“ ein funktionierender Hebel? Früh anfangen, sagt die Wissenschaftlerin, spätestens in der Schule, „nur da haben wir eine Chance“. Jugendarbeit nicht den Moscheen überlassen, sondern kommunal und religionsübegreifend anbieten. Mehr „mit“ Muslimen reden als „über“ sie - und zwar mit den Menschen vor Ort und nicht mit Funktionären. Und wenn das alles nichts hilft, den Moscheegemeinden auch mal klar machen, „wo sie hier eigentlich leben“. Fördern sei wichtig, aber fordern ebenso legitim. Für Schröter ist eines klar: „Der Islam ist in Deutschland angekommen“ und wird hier weiter heimisch werden. „Dabei wird er sich verändern, dabei werden die Muslime sich verändern, dabei wird sich unsere Gesellschaft verändern.“ Dem müssen wir uns stellen. (dpa)

Quelle: op-online.de

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