Spezialisten schrauben für den WM-Titel

Rallye-Renner aus Alzenau

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Jeweils ein Team arbeitet unter Wettbewerbsbedingungen an den Rallyewagen von Hyundai in Alzenau.

Alzenau - Hyundai ist in den Rallye-Zirkus zurückgekehrt. Zusammengeschraubt werden die robusten Flitzer am Rande des Rhein-Main-Gebiets in Alzenau. Erfahrungen aus dem Rennsport sollen letztlich auch in Alltagsmodelle fließen. Von Marc Kuhn 

Laut heulen die Motoren in den Hallen im Gewerbegebiet von Alzenau auf. Am Computer beobachtet ein Techniker die Werte. Seine Kollegen schrauben am Motor. Andere arbeiten an der Radaufhängung. Hyundai setzt in seinem i20 einen 1,6-Liter-Turbomotor ein, wie Marketing-Chef Stefan Henrich sagt. „Wir haben gut 300 PS.“ Der Rallye-Wagen schaffe den Spurt von 0 auf 100 Stundenkilometer in vier Sekunden, erklärt Henrich. „Egal auf welchem Untergrund.“ Wichtig sei das Drehmoment und die richtige Abstimmung. In der Zeit von 1999 bis 2002 hat sich Hyundai, dessen Deutschland- und Europa-Zentralen in Offenbach beheimatet sind, schon einmal in der Rallye-WM versucht. Ein Team aus England ist finanziert worden. Doch der Erfolg blieb aus. Schließlich habe der koreanische Autohersteller „den Stecker gezogen“, erinnert sich Henrich.

Jetzt soll alles anders werden. 2012 ist die Hyundai Motorsport GmbH gegründet worden. Sie ist eine Tochter der Hyundai Motor Company. „Das Ziel ist: 2014 lernen, 2015 gewinnen“, berichtet der Marketingexperte. Er weiß, wie die asiatischen Autobauer ticken. 30 Jahre arbeitet der gebürtige Frankfurter für sie - erst lange Jahre für Honda in Offenbach, später für Toyota und seit 2001 für Hyundai. Bei den Japanern sei alles sehr solide. Doch bei den Koreanern laufe alles viel schneller ab. „Wir nennen das Hyundai-Speed“, erläutert Henrich. Planung, Implementierung und Umsetzung von Projekten gehen rasch über die Bühne - auch das Rallye-Vorhaben.

Drei Rennwagen am Start

Seit Anfang des Jahres hat Hyundai drei Rennwagen am Start. Die Koreaner haben sich Thierry Neuville, der 2013 mit Ford Vizeweltmeister war, geholt. Der Franzose sehe durchaus Chancen, mit einem Hyundai Weltmeister zu werden, sagt Henrich. Darüber hinaus gehen Rennfahrer aus Spanien, Finnland, Belgien, Neuseeland und Australien bei den Rallyes an den Start. Die Truppe in Alzenau ist ohnehin sehr international. Die Experten kommen aus 22 Ländern. 2013 hat Hyundai in der fränkischen Kleinstadt mit zehn Mitarbeitern angefangen. Heute arbeiten 125 Menschen daran, für Hyundai den Titel des Rallye-Weltmeisters zu holen.

Stefan Henrich

Die Autos werden nicht getunt, erklärt der Marketingchef. Sie würden in Alzenau entwickelt, getestet und gebaut. Angeliefert werden Karosserien vom i20. Kotflügel und Seitenteile werden abgebaut. Das Chassis wird verstärkt. Der Stahlkäfig, der die Insassen schützt, wird eingebaut. Das Äußere des Rallye-Autos besteht aus Kunststoff, der mit Folien beklebt wird. Eine Abteilung stellt die Kunststoff-Teile her. Die maßgeschneiderten Sitze würden rund 8 000 Euro kosten, erklärt Henrich. In der Vormontage in Alzenau werden Motoren und Getriebe gebaut. Die Qualitätskontrolle überprüft alles. Schließlich werden die Komponenten in die Karosserie eingebaut. Natürlich gibt es unterschiedliche Reifen für die verschiedenen Wetterbedingungen. Schließlich finden die Rallyes beispielsweise in Finnland und Mexiko statt.

Enge Kooperationen

Die Hyundai-Mannschaft in Alzenau kooperiert auch eng mit den Kollegen in Korea. Daten von Testfahrten werden nachts in das asiatische Land übertragen. Dort laufen Tests im Windkanal. So werde 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche für den Rallye-Titel geschuftet, sagt Henrich.

Die Spezialisten in den Hallen in Alzenau, die einst zum Solarunternehmen Schott gehörten, arbeiten unter Rennbedingungen, berichtet er weiter. Nur fünf Mann dürfen an einem Auto schrauben. Hebebühnen gibt es nicht. Die Rallyewagen stehen auf Ständern. Das Team muss eingespielt sein. Wenn die Autos im Einsatz sind, dürfen die Mechaniker morgens nur zehn, mittags 30 und am Abend 45 Minuten an ihnen arbeiten. Sonst drohen Strafzeiten.

Riesige Anhänger, die von Trucks gezogen werden, stehen ebenfalls in den Hallen. Zwei bis drei Rallyewagen passen rein. Ein Physiotherapeut hat auch sein Zimmer im Anhänger. Und die Mechaniker haben ihr Material untergebracht. Ein Anhänger kann aufgeklappt und ausgefahren werden, dann werden die Kommandostände sichtbar, von denen aus die Autos beim Rennen technisch überwacht werden.

Wie groß das Budget ist, das Hyundai für das Rallye-Projekt ausgibt, will Henrich nicht sagen. Nur soviel: „Genug, um zu gewinnen. Am Geld kann es nicht liegen.“ In 13 Rennen starten die Teams in diesem Jahr. Zehn finden in Europa statt, je eins in Mexiko, Australien und Argentinien. Beim Rennen im Januar in Monte Carlo hat der Fahrer das Auto zerlegt. In Schweden gab es einen technischen Ausfall. In Mexiko ist der Hyundai dann aber auf den dritten Platz gefahren.

Mit dem Engagement bei der Rallye will Hyundai verstärkt für sich werben. Durch den Motorsport solle die Marke aufgeladen werden, formuliert der Marketingexperte. Die Koreaner verfolgen indes noch ein ganz anderes Ziel. Hyundai habe bisher keine sportlichen Fahrzeuge wie den GTI von VW, AMG von Mercedes oder die M-Serie von BMW im Angebot, erklärt Henrich. Mit den Erkenntnissen aus der Rallye will Hyundai seine Autos mal als sportliche N-Serie auf den Markt bringen. Es soll „eine eigene Model-Rage werden“, berichtet Henrich. Auf diese Weise soll der Rallye-Sport zum wirtschaftlichen Erfolg von Hyundai beitragen. Davon können auch die Europa- und Deutschlandzentralen des koreanischen Autobauers in Offenbach profitieren.

Im Oldtimer nach Monte Carlo

Quelle: op-online.de

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