Bei Rasern gibt‘s kein Einsehen

Offenbach - Leo Klein war selbst zum schimpfen zu verdattert. Der Parkettverleger aus dem Unterfränkischen hatte gestern früh gegen zehn auf der Landstraße zwischen Aschaffenburg und Seligenstadt ein Überholmanöver gestartet. Zugegeben, genau an dieser Stelle hätte er das eigentlich nicht gedurft. Ein Radarblitzer der bayerischen Polizei hielt das Manöver gestochen scharf fest.

Ein konzentrierter roter Blitz von rechts. Ein Schreck. Mist! Über 100 Euro weg.

Bis Leo Klein sich wieder sortiert hatte - inzwischen war die Landesgrenze nach Hessen überfahren - ging die Sache von vorne los. Diesmal hatten die Ordnungshüter aus Offenbach das Ding in Position gebracht. Ein konzentrierter roter Blitz von rechts. Ein Schreck. Mist!

„Das darf doch nicht wahr sein! Ich hätte heute einfach nicht aufstehen sollen!“ Leo Klein brauste mit 76, wo nur 60 Sachen erlaubt waren. Drei km/h schenkte ihm die Polizei, da waren‘s nur noch 73. Machte 20 Euro Strafe. „Alles in allem heute rund 150 Euro für die Polizei“, haderte er mit seinem Schicksal. Und kam zu dem Ergebnis, dass der neue, strengere Bußgeldkatalog - seit genau zwei Monaten in Kraft - nun auch bei ihm Wirkung zeigen werde. So etwas, nein, das will Herr Klein auf keinen Fall nochmal erleben. Nicht in Bayern und nicht in Hessen. Und auf keinen Fall mehr so kurz hintereinander.

Lassen die Autofahrer in der Region seit 1. Februar öfter mal den Fuß vom Gas wegen der höheren Strafen? „Mein subjektiver Eindruck ist, dass sich in den vergangenen zwei Monaten nicht viel verändert hat“, bilanziert Thomas Baier, Polizeihauptkommissar und Sachgebietsleiter der Verkehrsüberwachung beim Polizeipräsidium Südosthessen. Viele Autofahrer hätten die härteren Strafen noch nicht im eigenen Geldbeutel gespürt - „richtig happig wird es ja erst ab dem 21. Stundenkilometer zu schnell“.

Erst, wenn die Tachonadel also innerorts auf die 80 zeige statt auf die erlaubte 50, griffen die ersten empfindlichen Bußgeldstufen. „Man will ja an die Raser ran.“ Und an die Autofahrer, die sich den Kopf voll gedröhnt haben mit Alkohol oder Drogen und sich anschließend ans Steuer setzen.

An diesem Morgen ging den Beamten einer ins Netz. Ein Autofahrer, 40 Jahre alt, Aschaffenburger Kennzeichen, 14  km/h zu schnell, das Innere seines Uralt-Fiestas über und über mit leeren Zigarettenschachteln vermüllt, mit Drehtabak-Tütchen und Zigarettenpapierchen. „Für diese Klientel gibt es bestimmte Merkmale. Das kriegen wir raus“, erklärt der Sachgebietsleiter. Ab zur Blutprobe nach Seligenstadt. In drei Wochen wird man wissen, wie viele und welche Drogen der Mann konsumiert hat. Erst dann kann das Strafmaß bestimmt werden.

Einmal pro Woche wird in der Region eine größere Verkehrskontrolle aufgebaut, sagt Polizeioberkommissar Frank Fischer. „Die Kontrollen auf den Parkplätzen mit der direkten Möglichkeit, die Strafe sofort und in bar zahlen zu können, hat Vorteile“, so Fischer. Die Polizei müsse dann nicht lange ermitteln, wer am Steuer gesessen habe.

Thomas Amann aus Lohr wollte gestern früh seinen BMW zur Wartung in den Kreis Offenbach bringen - und fuhr am Blitzer mit ein paar Sachen zu schnell vorbei. Nichts Großes - die Strafe zahlte er, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wenn die Strafen richtig weh täten, wenn eine Alkoholfahrt auch mal mit Gefängnis bestraft würde, „so, wie in Amerika, dann würden die Leute vernünftig werden. Aber nicht mit dem neuen Bußgeldkatalog.“

Polizeioberkommissar Martin Deißmann geht bei allem Pessimismus aber davon aus, dass die Verdoppelung der Bußgeldsätze bei den Alkoholdelikten langfristig Wirkung zeigen wird - „nicht bei den Alkoholabhängigen, sicher. Aber bei denen, die freitags abends mal ein Bierchen mit ihren Kumpels in der Kneipe trinken und früher vielleicht noch gefahren wären.“ Gestern früh kontrollierten die Beamten auf der Landstraße zwischen Aschaffenburg und Seligenstadt insgesamt 921 Fahrzeuge. 59 davon (6,4 Prozent) fuhren schneller als die erlaubten 60 km/h. Der Schnellste war mit knapp 90 unterwegs, musste 80 Euro zahlen plus 25 Euro Gebühren und bekommt drei Punkte. „Das ist dann doch unangenehmer als vor dem 1. Februar“, resümiert Thomas Baier. Aber ob es was nutzt? Der Polizeihauptkommissar bleibt skeptisch, zwei Monate nach Einführung des neuen Bußgeldkatalogs.

Quelle: op-online.de

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