Satellitennavigation bei Firmen

Raumfahrt kommt im Alltag an

+
Eine Rakete startet in Kourou in Französisch-Guayana. Später wollen die Europäer auf die Ariane 6 setzen, die von Airbus Defense and Space mit der französischen Safran ins All starten soll.

Frankfurt - Die Raumfahrtbranche ist auf Erfolgskurs. Amerikanische Firmen machen europäischen bei Trägerraketen Konkurrenz. Vom Wettbewerb profitieren auch Unternehmen aus der Region. Von Axel Wölk 

Privat statt staatlich: In der internationalen Raumfahrt bahnt sich eine kleine Revolution an. Zu Hochzeiten der Nasa galt noch das Prinzip: Alles aus einer Hand – finanziert vom Weißen Haus. Mittlerweile mischen in der US- wie auch der europäischen Raumfahrt zahllose Startups, aber auch Großkonzerne mit. Russische, chinesische, japanische und selbst indische Akteure drängen auf den Markt.

„Es könnte einen Wechsel in den Geschäftsmodellen der Raumfahrtkonzerne geben“, erläutert der Chef von Airbus Space Systems, Francois Auque, der mit weitem Abstand größte Spieler auf dem europäischen Markt. Einen Rhein-Main-Akzent setzt dabei John Lewis, Geschäftsführer der Darmstädter Telespazio Vega, die mit ihrer Technologie Satellitenbetrieb und Raumfahrtsimulationen gewährleistet. „Die Region ist gut aufgestellt.“ Das Wissenschaftsumfeld in Darmstadt mit dem Europäischen Satellitenkontrollzentrum (ESOC), dem Zentrum für Wettersatelliten Eumetsat und der Technischen Universität sei in Europa ziemlich einmalig. Auch die zentrale Lage der Rhein-Main-Region hebt Lewis hervor.

Was für die Region gilt, gilt inzwischen auch rund um den Globus. In der Raumfahrt herrschen erhebliches Profitstreben und ein Hauch von Pioniermentalität. „Diese neuen Akteure bringen ihren Unternehmergeist mit ins All“, erkennt ESOC-Chef Thomas Reiter den neuen Zug der Zeit. Selbst die erste bemannte Marsmission könnte privat gelingen. Eine niederländische Privatstiftung will diese bereits im Jahr 2025 stemmen – weit vor allen realistischen Projektionen der seriösen staatlichen Raumfahrtorganisationen. Heute ist allgemein anerkannt, was vor ein paar Jahren noch keineswegs Regel war: Die Branche expandiert und verdient kräftig Geld. So schossen allein die weltweiten Umsätze mit Satelliten von 2008 bis 2013 um deutlich mehr als ein Drittel auf 195,2 Milliarden US-Dollar nach oben, ergibt sich aus Zahlen der Satellite Industry Association. China nimmt für Raumfahrtausgaben jedes Jahr zehn Prozent mehr Geld in die Hände, Indien gar 40 Prozent.

Insgesamt schreckt die Europäer in der Raumfahrt momentan ein einziger Name auf: SpaceX. Bei Trägerraketen konkurriert das Unternehmen von Multi-Milliardär Elon Musk direkt mit der Lastenrakete Ariane, die Airbus in einem Joint Venture mit der französischen Safran fertigt. „SpaceX mischt derzeit die Branche auf“, zollt Lewis dem Wagemut des US-Konzerns Respekt. Selbst der Internetkonzern Google lässt sich davon in Bann schlagen. Rund eine Milliarde US-Dollar pumpen die Kalifornier in SpaceX und das Wagnis Raumfahrt. Für die Europäer ist das eine Herausforderung. Bisher strichen sie mit der Ariane 5 weltweit rund 50 Prozent der Erlöse bei Starts kommerzieller Satelliten ein. Zähneknirschend begrüßt Reiter den neuen Wettbewerb: „Konkurrenz belebt das Geschäft.“ SpaceX macht Raumfahrtstarts erheblich billiger und erhöht damit den Margendruck auf Firmen wie Airbus.

Als Folge ergibt sich ein geteiltes Bild: des einen Freud, des anderen Leid. Für Firmen und staatliche Organisationen, die sich auch gerade über Raketenstarts finanzieren, wird die Luft dünner. „Das Geschäft ist mit erhöhten Wettbewerbsrisiken verbunden“, erklärt Analyst Stefan Maichl von der LBBW. Auf der anderen Seite lächeln Unternehmer und Organisationen, die für die Lift-offs ins All Geld überweisen. Das freut letztlich auch Unternehmen aus der Region, die Technologie aus dem Weltall hier auf dem Boden einsetzen. „Aus Sicht der Anwender sind diese Entwicklungen zu begrüßen“, jubelt Cesah-Chef Frank Zimmermann. Seine halbstaatliche Darmstädter Organisation hilft Jungunternehmern dabei, mit Satellitennavigation wie etwa in Form der allgegenwärtigen Auto-Navis am Markt erfolgreich zu agieren. Die Raumfahrt sei im Alltagsleben angekommen. Von ihm betreute Firmen wie etwa die Dieburger Taxi-App Flinkster würden munter Gewinne schreiben, und das obwohl sie oft nur wenige Jahre auf dem Buckel hätten. Dass die Raumfahrt gerade jetzt einen ausgeprägten Boom erlebt, führt Zimmermann vor allem auf technologische Entwicklungen zurück, wie sie insbesondere das Internet ermögliche. Vor einigen Jahrzehnten sei die Raumfahrt noch lange nicht so weit gewesen.

Hier legt Zimmermann bei aller Raumfahrtbegeisterung auch gleich den Finger in die Wunde: „Wir werden noch weit mehr als bisher mit Weltraumschrott zu kämpfen haben.“ Dieser entsteht zum Beispiel, wenn Satelliten abgewrackt werden. Sie verglühen meist nie vollständig in der Atmosphäre und hinterlassen Trümmerteile, die um die Erde kreisen. Die Internationale Raumstation ISS muss wegen dieses gefährlichen und äußerst schnell durchs All rasenden Mülls mehrmals im Jahr Ausweichmanöver vornehmen. Doch Experten sehen trotzdem in der Raumfahrt eher Chancen als Risiken. Lewis benennt ein faszinierendes Zukunftsprojekt. Beim sogenannten Asteroiden-Mining wollen risikobereite Unternehmer auf den Himmelskörpern nach Rohstoffen bohren und diese später auf die Erde bringen. Die Idee klingt nach Science-Fiction, doch drei Unternehmen haben bereits entsprechende Geschäftspläne angefertigt. Lewis selbst sieht das Projekt als Unternehmer mit gemischten Gefühlen: Es klinge gewagt. Doch wer vor 100 Jahren von der Mondlandung geredet hätte, hätte ebenso als Fantast gegolten. „In der Raumfahrt gibt es kaum Grenzen.“ Ob demnächst womöglich ein Unternehmer aus der Region solche Missionen für sich als Goldgrube entdeckt, wird die Zukunft zeigen. In der Region sind auf jeden Fall eine Menge schlauer Köpfe versammelt, die für solche Projekte den technischen Sachverstand mitbringen.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare