Raus aus Anonymität

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Abgabe eines Babys in eine Babyklappe (Szene gestellt): Der Ruf nach einer Abschaffung der Einrichtungen wird immer lauter.

Offenbach - Dem Kinderhilfswerkes terre des hommes zufolge sind in Deutschland 2009 etwa so viele Neugeborene getötet oder ausgesetzt worden wie 2008. Demnach sind es 36 Fälle: 24 Babys wurden tot, 12 lebend aufgefunden. Ein Experte der Organisation bezeichnete das Modell der Babyklappen als „Irrweg“. Mütter, die Neugeborene aussetzten, seien so nicht zu erreichen. Mit Margit Grohmann vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) in Frankfurt sprach unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Erst hat der Deutsche Ethikrat gefordert, Babyklappen und Angebote zur anonymen Geburt abzuschaffen. Jetzt kommt erneut heftige Kritik von terre des hommes. Sind Babyklappen der richtige Weg?

Der SkF Frankfurt verfolgt seit 2001 ein Alternativprojekt zu den Babyklappen. Unter der kostenfreien Telefonnummer 0800-7800900 der Aktion Moses können sich Frauen, die in der Gefahr stehen, ihr neugeborenes Kind auszusetzen oder zu töten, rund um die Uhr anonym bei uns melden. Unser Ziel ist, schwangeren Frauen, die sich in einer Krisensituation befinden, anonyme Beratung und Schutz zu bieten. Dazu gehören praktische Hilfen vor, während und nach der Geburt sowie die Bedingungen für eine menschenwürdige Geburt für Mutter und Kind sicherzustellen. Wichtigster Aspekt dabei ist die Garantie von Straffreiheit und Anonymität. Viele Frauen geben im Laufe der Betreuung ihre Anonymität auf, so dass das Kind später einmal zumindest die Möglichkeit hat zu erfahren, wer seine leibliche Mutter ist.

Das ist bei einer Babyklappe nicht möglich...

Genau! Auch bietet die Babyklappe keinen Schutz für Mutter und Kind und setzt, von der rechtlichen Seite aus betrachtet, eher den staatlichen Apparat in Bewegung. Dennoch lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, dass Babyklappen nicht doch auch einen Ausweg für Frauen in Krisensituationen bieten können. Bislang gab es keine wissenschaftliche Begleitforschung, die wir jedoch für dringend notwendig halten, um redliche und sachliche Aussagen zur Thematik treffen zu können. Deshalb sollten die aktuellen Untersuchungen des DJI - Deutschen Jugendinstituts - abgewartet werden.

Darf die Gesellschaft denn direkte oder indirekte Anreize bieten, Eltern aus ihrer Verantwortung zu entlassen?

Die Erfahrungen unseres Projektes haben eindeutig gezeigt, dass keine Mutter sich die Abgabe ihres Kindes leicht gemacht hat, eine tiefe Trauer war häufig zu spüren. Oftmals hinterlassen die abgebenden Mütter ein Andenken in Form eines Briefes oder eines Namens für ihr Kind und wünschen sich, dass es ihrem Kind in der Adoptionsfamilie gut gehen möge. Die Adoption sollte dem Kind eine Chance eröffnen, die die abgebende Mutter dem Kind selbst nicht bieten kann. Durch die Projekte werden unserer Erfahrung nach keine Anreize geschaffen, sich des Kindes leichtfertig zu entledigen. Alle Frauen die wir kennengelernt haben, befanden sich in subjektiv empfundenen existenziellen Krisensituationen, aus der sie trotz Beratung keinen Lösungsweg sahen.

In welche Richtung werden sich die Beratungsstellen/Babyklappen denn in Zukunft entwickeln?

Auf der Grundlage unserer neunjährigen Erfahrung im Moses-Projekt sehen wir in der jetzt bundesweit begonnenen Etablierung von frühen, nicht stigmatisierenden Hilfen für Eltern aller sozialen Schichten einen sinnvollen Ansatz, um auch Familien in prekären Lebenslagen frühzeitiger zu erreichen oder zu finden. Ein Notruf mit einem anonymen Beratungsangebot ist dabei ein wichtiger Bestandteil eines umfassenden Hilfenetzes für diese besondere Zielgruppe. Er stellt einen geeigneten niedrigschwelligen Zugangsweg dar und trägt auch dazu bei, Hilfsangebote für schwangere Frauen bekannter zu machen. Für diese Frauen braucht es Rahmenbedingungen für eine vertrauliche Geburt. Dennoch wird es für eine Restgruppe von Frauen, die trotz aller Hilfsangebote nicht in der Lage sind, ihre Anonymität aufzugeben, unumgänglich sein, einen rechtlichen Lösungsweg auch für eine anonyme Geburt zu eröffnen.

Quelle: op-online.de

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