Streitfall um Steuer könnte weitreichende Auswirkungen haben

Rechte ohne Pflichten?

Taufe, Abendmahl, Erstkommunion, Krankensalbung, Beerdigung ... alles ohne Kirchensteuer, also Ansprüche und Rechte ohne Pflichten? Von Peter Schulte-Holtey

So könnte es bald kommen, sollte ein entsprechendes Urteil des Freiburger Verwaltungsgerichts auch in den nächsten Instanzen, beim Verwaltungsgericht Mannheim oder gar beim Bundesverfassungsgericht bestätigt werden. Es geht um die Frage, was die Mitgliedschaft in der Kirche ausmacht und wann sie wie und von wem beendet werden kann.

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Nur aus der „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ sei er ausgetreten, nicht aber aus der religiösen Gemeinschaft, erläuterte der klagende Kirchenrechtler Hartmut Zapp. Ein Urteil zugunsten des emeritierter Professors hätte weitreichende Folgen für die finanzielle Situation der katholischen Kirche und für ihre Mitgliederentwicklung. Erstere könnte unsicherer werden, die Austrittswelle, die von beiden großen Kirchen derzeit registriert wird, würde jedoch an Schwung verlieren.

Bei den Gründen für einen Austritt steht die Kirchensteuer sicher an erster Stelle”, sagt Pfarrer Stephan Krebs, Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). „Immer wenn es auf den Dezember zugeht, wenn das Weihnachtsgeld ansteht, macht sich das bei den Austritten bemerkbar”, heißt es auch bei der Evangelischen Kirche in Offenbach.

„Sparpotential Austritt“ bei jungen Leuten

Es geht um neun Prozent der Lohn- oder Einkommenssteuer - und offenbar vor allem junge Leute erkennen dann „Sparpotentiale“. So fiel den Verantwortlichen bei der Evangelischen Kirche in Offenbach auf, dass bei den 248Austrittserklärungen in 2008 die Jahrgänge 1970 bis 1989 besonders stark vertreten waren. Bei den 99 Austrittserklärungen, die bislang in diesem Jahr vorliegen, sind es vor allem Frauen und Männer der Jahrgänge zwischen 1980 und 1989.

2008 haben in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau insgesamt 12 766 Menschen ihren „Abschied genommen“ (2007: 9700). 4095 sind eingetreten.

Große Besorgnis ist derzeit in der katholischen Kirche zu spüren. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hatte am Montag in Fulda bekannt gegeben, dass 2008 mehr als 120 000 Mitglieder ausgetreten seien. Er spricht von „schmerzlichen Zahlen“. Im Jahr zuvor waren gut 93 000 registriert worden. Die Zahl der Kircheneintritte lag bundesweit mit 14 000 auf gleichbleibendem Niveau. Die Austrittszahlen für das Bistum Mainz bestätigen den Trend: 5196 (2008), 4023 (2007) und 3486 (2006). 599 Eintritte und Wiederaufnahmen in 2008, 637 Eintritte und Wiederaufnahmen in 2007 und 564 Eintritte und Wiederaufnahmen in 2006.

Wirtschaftskrise schuld am Mitgliederschwund?

Im Bistum Limburg wurden im vergangenen Jahr 4786 Austritte registriert (2007: 3416). 176 Eintritte und 409 Wiederaufnahmen gab es 2008. Zu den Gründen könne er derzeit noch nichts sagen, sagte Erzbischof Zollitsch. Er wolle Ursachenforschung betreiben. Religionssoziologe Professor Dr. Detlef Pollack von der Universität Münster ist schon einen Schritt weiter. Für ihn hängt der Mitgliederschwund unter anderem mit der Wirtschaftskrise zusammen. „Die Ersparnis der Kirchensteuer ist ein wesentliches Motiv für Kirchenaustritte, wie viele Befragungen zeigen“, sagte der Wissenschaftler vom sogenannten Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Hochschule. Die Austrittsraten stiegen immer dann an, wenn die Finanzbelastung wachse, so Pollack. Das lasse sich für die vergangenen 50 Jahre nachweisen, etwa beim Solidaritätszuschlag 1992 oder beim Konjunkturzuschlag Anfang der 1970er Jahre.

Die Austritte hätten zugleich mit einer sinkenden Religiosität zu tun, erläuterte der Wissenschaftler. „Menschen, die austreten, haben zumeist die Beziehung zu Glauben und Kirche verloren. Die Wirtschaftslage ist dann der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.“

Vorallem Städter, Männer und Besserverdiener kehren der Kirche den Rücken

Dabei sind es laut Statistik vor allem Besserverdiener, Städter und Männer, die der Kirche den Rücken kehren. „Für sie lohnt sich der Austritt finanziell am meisten. Die Bindung zur Kirche bleibt jedoch oft über die schlechter verdienende Frau bestehen. Dies erlaubt es, die Kinder dann dennoch taufen zu lassen.“ Pollack betonte auch, die Kircheneintritte könnten den „enormen Anstieg der Austritte“ nicht wettmachen. Die katholische Kirche verliere den Zahlen zufolge 0,4 bis 0,5 Prozent ihrer Mitglieder pro Jahr, nur 0,06 Prozent kämen hinzu. „Bislang konnte die katholische Kirche ihre Mitglieder besser halten als die evangelische Kirche. Nun ist fraglich, ob das so bleiben wird.“

Quelle: op-online.de

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