Batschkapp-Umzug

Ach, wie wohl war uns an vielen Abenden

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Die Batschkapp in Eschersheim wird zum Jahresende Geschichte sein.

Frankfurt - Die Redaktion der Offenbach Post erinnert sich an besondere Momente, heißgeliebte Bands und liebgewonnene Rituale in der alten Batschkapp in Eschersheim.

„These are days you’ll remember. Never before and never since, I promise, will the whole world be warm as this.“ (10.000 Maniacs)

Früher glichen die Touren in die Maybachstraße Weltreisen. Wenn die Kleingruppe sich von Gelnhausen aus auf den Weg machte, lagen bereits einige Hausbesuche hinter ihr, und eine lange Nacht sollte noch folgen. Welch glücklicher Umstand, dass es einige Jahre später zum Beruf wurde, Rockkonzerte in der „Batsche zu besuchen. Wir sahen Bands kommen und gehen; They Might Be Giants, Barenaked Ladies, Francis Black, Sugar, Bush und manche andere, deren Andenken und Ruhm längst verblasst sind.

Höchst lebendig sind die Erinnerungen aber an Konzerte im Hochsommer. Während es am späten Abend draußen allmählich erträglich wurde, tropfte im stickigen Innenraum das Kondenswasser von der Hallendecke. Mitten ins Bier. Vorn auf der Bühne tobten sich die Melody-Punker von Bad Religion aus, deren Security im Sekundentakt Stagediver ins halbnackte, schwitzende, wogende Menschenmeer schickten. Man selbst blieb auf Distanz zum tanzenden Mob, stand am Aufgang zur Theke und hielt sich am schnell wärmer werdenden Gerstensaft fest, beim kleinsten Gedanken an Bewegung kam der Schweißausbruch, den zurückzuhalten man bemüht war. Vergebliche Contenance! Auch die ersten Reihen bekamen Durst und zwängten sich nach hinten durch. Für sie waren wir wie Handtücher... CARSTEN MÜLLER

Vor Kurzem war ich bei den Ärzten - und ich gebe es zu. Ich war nicht unfroh, dass mein Freund Jürgen Sitzplatzkarten besorgt hatte. Spielen ja meist so um die drei Stunden, die Jungs. Da kann man mit Anfang 50 schon mal schwach werden. Früher, früher wäre das undenkbar gewesen. Wie will man denn im Sitzen Luftgitarre spielen und die Mähne schütteln? Ich erinnere mich an Konzerte, in denen ich nach wenigen Minuten schweißgebadet war. Ich bin mit Bands groß geworden, deren Namen längst verblasst sind. The Waterboys, Big Country, Europeans, The Chameleons. Die meisten davon habe ich in der Batschkapp gesehen. Ein Abend hat sich besonders eingeprägt – der Auftritt von The Alarm. In Sachen Lautstärke setzten die Waliser auf der nach oben offenen Richterskala ihre ganz eigenen Maßstäbe… Konzerte in der „Kapp“ – das war einfach immer geil. Laut, heiß, intim und getränketechnisch erfreulich eindimensional. Flaschenbier hat mir nie mehr so gut geschmeckt… FRANK MAHN

Die Batschkapp zieht um: Institution in neuer Hülle

Weihnachten, ohne zuvor den „dicken Engländer“ live gesehen zu haben, ist undenkbar. Das war früher so, und das ist auch heute als 46 Jahre alter Familienvater noch so. Das Konzert von Peter in der Batschkapp in Frankfurt-Eschersheim gehört dazu, ist bzw. war Pflichtprogramm – eine Konstante im Leben. Seit gefühlten 30 Jahren spielen Peter and the Test Tube Babies, die legendären Punk-Rocker aus dem englischen Brighton, in den Tagen vor Weihnachten in der Batschkapp. Meist am 23. Dezember. Einmal gefehlt? Nein, kann mich zumindest nicht erinnern. In knapp zwei Wochen sehe und höre ich ihn wieder. Zum ersten Mal in Seckbach. Ich dachte zwar, das Konzert sei nochmals in der ehrwürdigen Halle im Frankfurter Norden, aber manche Umzüge gehen dann doch schneller als gedacht. Zum Abschied nehmen bleibt jetzt also keine Zeit mehr.

Wehmütige Erinnerungen bleiben dennoch an viele große Bands des Punk-Rock, Ska, Grunge und New Wave in der schmalen Halle in Eschersheim. Einige Beispiele: New Model Army, The Toy Dolls, The Busters, Buffalo Tom, The Exploited, The Men They Couldn’t Hang. Und eben immer wieder Peter. Oft habe ich die Halle schweißgebadet verlassen und bin mit Freunden zur Station am „Weißen Stein“ gesprintet, um die letzte U-Bahn zu kriegen. Manchmal sind wir auch aus Eschersheim gelaufen, drei Stunden lang. Ist jetzt nicht mehr nötig, diese Rennerei. Jetzt, im gesetzten Alter, in dem der Äppler längst nicht mehr so schnell durch die Kehle rinnt, kann ich aus Offenbach sogar mit dem Fahrrad fahren, von der Carl-Ulrich Brücke über Fechenheim nach Seckbach. Ein Katzensprung. Das werde ich ganz sicher machen am 23. Dezember. Ich bin - trotz der wehmütigen Erinnerungen an die alte „Kapp“ - bereit dazu. Mein alljährliches Ritual mit Peter ist mir wichtig. Ich mag mit dem „dicken Engländer“ altern - auch in der neuen „Kapp“. HOLGER APPEL

Shantel eröffnet die neue Batschkapp

Shantel eröffnet die neue Batschkapp

Der olle Willie Nelson ist zwar nie in der Batschkapp aufgetreten, doch sein Song „Funny how time slips away“ kommt mir in den Sinn, wenn ich heute das Ticket zu meinem allerersten Konzert in der „Kapp“ in den Händen halte. 1983 war das, und es spielte die Hamburger Gruppe Lake. Dieser Besuch war so etwas wie eine Initiation, mit der die Batschkapp Teil meines Lebens wurde und bis heute ist. Mit Hilfe alter Kalender ließe sich gewiss eine halbwegs exakte Zahl errechnen, wie viele hundert Mal ich zu Konzerten oder zum Idiot Ballroom zur Maybachstraße aufgebrochen bin. Wichtiger als solch ein Wert sind aber die unzählbaren Erinnerungen an große Bands und vor allem an viele kleine Bands, die es oft genug im Vorprogramm zu entdecken gab, darunter Rohdiamanten wie Uncle Tupelo, 16 Horsepower, Drivin’n’Cryin’, Del Amitri, Mercury Rev und andere mehr, die später als Headliner wiederkehren sollten. Deshalb werde ich der Kapp selbst nach „Thirty Years of Maximum R&B“ (The Who) weiterhin die Treue halten. Gern auch weitere 30 Jahre. CHRISTIAN RIETHMÜLLER

Quelle: op-online.de

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