Reden mit eingeschlagenen Zähnen

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Der ausgeschlagene Schneidezahn (Originalfoto einer misshandelten Frau) ist in der Regel Zeichen einer schlimmen Leidensgeschichte.

Frankfurt - „Es ist schwer, über Probleme zu reden, wenn man die Zähne eingeschlagen bekommen hat. “ Dieser ungewöhnliche Satz stammt von Gudrun Wörsdörfer, Mitarbeiterin der Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt. Von Michael Eschenauer

Er fiel auf einer ebenso ungewöhnlichen Fortbildungsveranstaltung: Unter dem Titel „Aktionsnachmittag Gewaltprävention“ wurden erstmals in Hessen Zahnärzte von Fachleuten fit gemacht für den Umgang mit Gewaltopfern. Dass der Sache hohe Priorität zugemessen wird, zeigte die Liste der Veranstalter: Landeszahnärztekammer Hessen, Zahnärztlicher Verein Frankfurt, Zahnärztliche Gesellschaft und Sozialministerium.

„Das Thema muss in den Köpfen der Zahnärzte verankert werden“, forderte Professor Dr. Robert Sader, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und plastische Gesichtschirurgie der Uniklinik Frankfurt vor den 120 bei der Fortbildungsveranstaltung anwesenden Ärzten. Die Praxen und deren Teams müssten, so Sader, zu Feuermeldern und Hilfsinstanzen bei häuslicher Gewalt aufgebaut werden. Wie „Zahnarzt“ und „Gewalt“ als Themen zusammenkommen, verdeutlichte Dr. Kurt Kolmer, Präsident der Zahnärztlichen Gesellschaft Hessen: Bis zu 95 Prozent der von häuslicher Gewalt Betroffenen - dies sind zumeist Frauen - weisen Verletzungen im Hals und Kopfbereich auf. Sehr häufig sind speziell Mund, Kiefer, Nase und Zähne betroffen. Was liegt also näher, als aus Zahnärzten Zeugen und Helfer zu machen?

Bis zu 70 Prozent der Frauen weltweit betroffen

Das Problem ist kein geringes. Nach Studien der World Health Organization (WHO) zählt körperliche Misshandlung weltweit zu den häufigsten Gesundheitsrisiken von Frauen. Bis zu 70 Prozent sind mindestens einmal in ihrem Leben körperlicher oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Die Täter sind zumeist Partner oder Ex-Partner. Die Datenlage in Deutschland erlaubt keine Verharmlosung: 37 Prozent der Frauen haben bereits Gewalt erlitten, 13 Prozent davon sexuelle, 42 Prozent psychische Gewalt. 64 Prozent trugen körperliche Verletzungen davon. Wegen der Verletzungen im Kopf-, Gesichts- und Mundbereich, so eine Analyse der Hochschule Fulda, sei die Zahnarztpraxis eine wichtige Anlaufstelle für die Opfer. In Hessen wurden im Jahre 2009 insgesamt 7541 Misshandlungsfälle von Frauen aktenkundig. Bei 1000 gab es Verletzungen im Gesicht.

Nach Angaben von Oberamtsanwältin Ulrica Hochstädter, Leiterin des Sachgebietes „Häusliche Gewalt“ bei der Amtsanwaltschaft Frankfurt, registrierte die Polizei im Jahre 2011 im Bereich Hochtaunus, Frankfurt, Main-Taunus und Bad Vilbel 2482 Fälle von „Beziehungsgewalt“. 85 Prozent der Täter seien männlich, das Offerieren von Hilfe oft schwierig. „Nichts ist so groß wie die Stabilität einer Gewaltbeziehung“, so Hochstädter. „Die Loyalität der Opfer mit dem gewalttätigen Partner ist extrem hoch.“

Das Zahnärzte-Seminar stellt nicht den ersten derartigen Vorstoß in Hessen dar. Bereits vor eineinhalb Jahren entwickelte die Landeszahnärztekammer in Kooperation mit der Hochschule Fulda, dem Sozialministerium und der Bundeszahnärztekammer erstmals einen Katalog mit genauen Handlungsempfehlungen für Zahnärzte sowie einen gerichtsverwertbaren Dokumentationbogen für diagnostizierte Verletzungen.

Kooperation mit Zahnärzten und Laboren

„Ich habe nicht geglaubt, dass wir auf ein so hohes Maß an Zerstörung treffen würden“, berichtete die Klein-Auheimer Zahnärztin Katrin Rinke vom Verein „Wieder Lachen e.V.“ Ihre Gruppe sorgt dafür, dass die Zahnschäden von Gewaltopfern unbürokratisch, diskret und kostenlos repariert werden. Man kooperiert mit 62 Zahnarztpraxen sowie 35 Dentallaboren und bemüht sich, Betroffene an Hilfseinrichtungen zu vermitteln. Noch immer existieren zu wenige Kooperationspartner. „Wer uns hilft, der spürt, dass er das Leben eines Menschen direkt zum Positiven verändert“, warb Rinke.

„Erwarten Sie nicht den ausgeschlagenen Vorderzahn“, riet ihr Ehemann und Mitstreiter bei „Wieder Lachen“, Sven Rinke, den Berufskollegen. Viel häufiger sei es das total verwahrloste Gebiss, das das Gewaltopfer verrate. Rinke zeigte schockierende Fotos: bis auf die Stümpfe heruntergefaulte Zahnruinen, abgebrochene, von Zahnstein überwucherte Zähne, bis auf den Kieferknochen entzündetes Zahnfleisch. Rinke sprach von „sehr komplexen Schadensbildern“. Weitere Indizien seien abgerissene Lippenbändchen oder Blutergüsse an Augen, Hals und im Gesicht. „Ich durfte nicht kommen, wie hätte ich den ausgeschlagenen Zahn erklären sollen?“ Dies sei die Reaktion vieler Betroffener auf die Frage des Zahnarztes, warum man nicht früher erschienen sei. Der Zahnschaden durch die Faust des Partners, so Rinke, sei meist der Auslöser nicht nur für einen Rückzug von jeglicher Zahnpflege, sondern auch aus der Öffentlichkeit generell.

Die Scham sei groß - und höre an der Tür zur Zahnarztpraxis nicht auf. „Geben Sie Termine in den Randzeiten, setzen Sie erfahrene Assisteninnen ein, nehmen Sie sich mehr Zeit als bei anderen Patienten und seien Sie nicht enttäuscht, wenn Termine nicht wahrgenommen werden“, so Rinke. Die Opfer seien keine einfachen Patienten.

Keinen zusätzlichen Druck ausüben

„Diese Menschen können schwierig und emotional belastend sein für Sie und ihr Personal“, warnte Gudrun Wörsdörfer vom Frauennotruf. Eine „lange Gewalterfahrung führt zu einen ganz speziellen Verhalten“. Da werde abgestritten, verdrängt, oder die Frau komme einfach nicht wieder. Druck auszuüben, bringe meist nichts, behutsames Ansprechen sei besser. Der Arzt könne ohnehin nur erste Hilfestellungen geben. „Die Frau hat genug Druck. Sie macht nur die Schritte, zu denen sie bereit und fähig ist“, riet Wörsdörfer. Wichtig sei es , Informationen über Hilfseinrichtungen in der Praxis auszulegen. Allerdings sei auch Distanz notwendig, weil vorkomme, dass sich der gewalttätige Partner durch das Eingreifen des Arztes provoziert fühle und in der Praxis erscheine. „Da brauchen Sie ein breites Kreuz“, berichtete ein Arzt aus seiner Erfahrung.

Nach Wörsdörfers Erfahrung liegt bei einem Drittel der Gewaltopfer ein Migrationshintergrund vor. Hier stehen die Opfer noch stärker unter Druck. „Migrantinnen riskieren viel mehr als deutsche Frauen, wenn sie sich offenbaren“, berichtete die Hanauer Rechtsanwältin Zümrüt Turan-Schnieders. Schlechte Sprachkenntnisse, geringe Chancen auf dem Berufsmarkt und ein oft unsicherer rechtlicher Aufenthaltsstatus führten häufig zu einer extremen Abhängigkeit vom gewalttätigen Ehemann. Hinzu komme, so die Rechtsanwältin, die starke Rolle der Familie. Wer sich dem Zahnarzt offenbare, riskiere die Ächtung, weil er die Familienehre verletzt habe. „Das kann die totale soziale Isolation bedeuten“, so Turan-Schnieders. Umso wichtiger sei es, dass die Zahnärzte auf ihre Rolle als Ersthelfer vorbereitet würden.

Infos für Ärzte unter:

www.lzkh.de

„Zahnärzte“/Allgemeines:

www.wieder-lachen.de

Quelle: op-online.de

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