Reform des Bereitschaftsdienstes

Ärzte verteidigen sich gegen scharfe Kritik

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Dr. Günter Haas: „Politik und Krankenkassen suggerieren den Patienten, es gebe alles zu jeder Zeit und lassen die Ärzte, Praxen und Krankenhäuser mit diesem Problem allein.“

Offenbach - Beschwerden über die Folgen der Reform des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes sind nicht mehr zu überhören. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Hessen, Organisator des Projektes, will aber an der grundsätzlichen Ausrichtung nichts ändern.

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei KV-Vorstand Dr. Günter Haas nach:

Was sagen Sie den verärgerten Ärzten und Patienten?

Grundsätzlich nehmen wir die Beschwerden sehr ernst. An der Stelle, wo es um konkrete Beschwerden der Patienten zum Beispiel über zu lange Wartezeiten in der Bereitschaftsdienst-Telefonnummer 116 117 geht, haben wir bereits Konsequenzen gezogen und sowohl Leitungskapazitäten als auch Personal deutlich aufgestockt. Dass es gewisse Startprobleme bei einer derart umfangreichen Reform gibt, kommt für uns nicht überraschend. Sowohl Personal als auch Technik basierten auf den bisherigen Erfahrungen aus dem Großraum Frankfurt, wo schon seit Jahren so disponiert wird. Die Zahlen sind jetzt noch einmal deutlich angestiegen, was am intensiven „Marketing“ für die 116 117 liegt. Auch die besonders stark ausgeprägte Grippewelle hat ihr Übriges zu den teilweise langen Wartezeiten am Telefon beigetragen.

Inzwischen hat die KV das Personal in den Zentralen aufgestockt. Außerdem werden Anrufe gefiltert und in reine Service-Anfragen oder medizinische Anliegen aufgeteilt. Mit welchen Änderungen ist demnächst denn noch zu rechnen?

Wir sind optimistisch, mit den genannten Sofortmaßnahmen bereits einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht zu haben. Dass so viele Anfragen kamen, bei denen es nicht um konkrete medizinische Probleme, sondern um allgemeine Auskünfte geht, war kaum vorherzusehen. Dies ging bis zu Fragen nach Zahn- und Tierärzten, die bei der 116 117 nun wirklich falsch adressiert sind. Ansonsten gilt, was wir auch vor der Reform gesagt haben. Wir schauen uns die Effekte und auch mögliche Problemfelder intensiv an, sobald die Reform in ganz Hessen ausgerollt ist.

Wann ist das soweit?

Abrechnungsdaten gibt es zum Beispiel erst im Sommer, die erste wirklich belastbare Analysen zulassen. Es ist aus unserer Sicht nur zielführend, Änderungen durchzuführen, wenn wir wirklich sicher sein können, die Weichen richtig zu stellen. Dafür benötigen wir Daten. Die Klagen von Landkreisen, die mutmaßlich Finanziers für ihre defizitären Leitstellen suchen und deshalb den Bereitschaftsdienst gleich mit disponieren wollen, reichen als Grund für Änderungen jedenfalls nicht aus.

Nach der Reform bekommen die Mediziner weniger Geld für ihren Bereitschaftsdienst. Die Folge: Erfahrene Notärzte sind aus dem Bereitschaftsdienst ausgestiegen. Von einer Verschlechterung der medizinischen Versorgung ist schon die Rede. War diese Entwicklung denn nicht vorhersehbar?

Dass sich die medizinische Versorgung verschlechtert, ist erst einmal eine Behauptung, die im Raum steht. Einen Beleg gibt es dafür nicht. Auch sollte die Qualität der Behandlung nicht vom Honorar abhängen. Richtig ist, dass die KV mit der Reform den Bereitschaftsdienst in ganz Hessen vereinheitlicht hat und damit auch die Honorare in ganz Hessen gleich sind.

Das passt vor allem den Ärzten nicht, die vorher besser verdient haben ...

Ja! Für uns war es aber wichtig, keine „Inseln“ mit besseren Honoraren mehr entstehen zu lassen, weil dies zu höherer oder geringerer Attraktivität der Dienste in den jeweiligen Bereichen geführt hat und nicht weiter führen darf. Denn Dienste gerade auf dem Land wären dann nicht mehr zu besetzen.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Und ihr Appell?

Was die Verpflichtung der Ärzte angeht, setzt die KV jetzt nur das um, was laut geltender Rechtsprechung ohnehin die Aufgabe eines jeden in Deutschland niedergelassenen Arztes ist. Sich am Bereitschaftsdienst zu beteiligen und dafür medizinisch fortzubilden. Diese Verpflichtung ergibt sich aus der Berufsordnung und gilt uneingeschränkt. Wer sich nicht zum Dienst in der Lage sieht, hat die Möglichkeit, sich befreien oder vertreten zu lassen. Diese „Spielregeln“ sind den Ärzten auch bekannt und die KV hat keine Möglichkeit, sie zu verändern.

Notdienstärzte berichten, das Anspruchsdenken der Patienten, die in die Notdienste kommen, sei enorm. Im großen Stil wird der Notruf getätigt, auch bei kleineren Erkrankungen …

Das ist in der Tat ein gravierendes Problem. Die Praxisgebühr, die vor einigen Jahren ersatzlos gestrichen wurde, hatte gerade im Notdienst - Ärztlicher Bereitschaftsdienst und Krankenhaus - eine regulierende Wirkung. Diese ist entfallen und die Patienten „fluten“ nun die Bereitschaftsdienst--Zentralen und die Ambulanzen der Krankenhäuser mit Bagatellerkrankungen oder solchen, die ohne Probleme bis zur regulären Sprechstunde warten könnten. Das für die medizinische Versorgung relevante Sozialgesetzbuch schreibt eine Versorgung vor, die wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig sein soll. Mehr nicht, das muss man wissen, auch wenn es unpopulär klingt. Denn Politik und Krankenkassen suggerieren den Patienten, es gebe alles zu jeder Zeit und lassen die Ärzte, Praxen und Krankenhäuser mit diesem Problem allein. Die Reformschraube, an der gedreht werden muss, heißt Ehrlichkeit. Ehrlich zu sagen, dass ein System, das auf der einen Seite budgetiert ist, auf der anderen Seite aber den uneingeschränkten Zugang zu Leistungen verspricht, zum Scheitern verurteilt sein muss. Es ist unwahrscheinlich, dass Politiker diese unangenehme Wahrheit aussprechen werden.

Quelle: op-online.de

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