Lauter Ruf nach Versicherungsreform

Durch Pflege werden viele zum Sozialfall

Offenbach - Das Ziel der Pflegeversicherung, Menschen im Falle der Pflegebedürftigkeit zuverlässig vor Armut zu schützen, ist vielerorts gescheitert. Auch in Offenbach bestätigt sich der Eindruck. In Caritas-Heimen ist inzwischen fast jeder Zweite auf Sozialhilfe angewiesen. Von Peter Schulte-Holtey 

Die Situation ist dramatisch: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Pflegebedürftigen, die zum Sozialfall werden, seit 2005 um 31 Prozent gestiegen; inzwischen sind 440.000 Menschen auf „Vater Staat“ angewiesen. Etwa zwei von drei Betroffenen wohnen in Heimen. Auch in den beiden Pflegeeinrichtungen des Offenbacher Caritas-Verbandes, St. Elisabeth und St. Ludwig, wird die Entwicklung mit Sorge beobachtet. Derzeit muss dort fast jeder zweite Bewohner ergänzende Leistungen beantragen, da Rente und Zuzahlung der Pflegeversicherung nicht mehr ausreichen, um die Kosten zu decken. „Pflegebedürftigkeit ist inzwischen ein Armutsrisiko, das durch einschneidende Maßnahmen verhindert werden muss“, fordert die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. Steigende Heimkosten einerseits, stagnierende Renten andererseits und sinkende Zahlbeträge bei Neurenten seien Ursachen für die Zunahme der Sozialfälle.

Für Michael Klein von der Caritas in Offenbach steht fest, dass eine „echte Dynamisierung der Leistungen der Pflegeversicherung“ überfällig ist. Der Direktor des Sozialverbandes auf Anfrage unserer Zeitung: „Auch der Gesetzgeber spricht von einer Anpassung für die letzten drei Jahre. Aber was ist mit den Preissteigrungen seit Einführung der pauschalen Zuzahlung? Hier muss dringend gehandelt werden, auch um die vorhandenen Arbeitsplätze in der Pflege gerecht zu entlohnen und Dumpinglöhne zu verhindern.“

Forderung nach Reformen

Reformen fordert auch die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Hilde Mattheis: „Durch eine solidarische Einbeziehung aller Bürger zur Finanzierung der Pflegeversicherung lässt sich das Problem entschärfen.“ Ein erster Schritt könne ein Finanzausgleich zwischen der privaten und gesetzlichen Pflegeversicherung sein. Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, lenkt den Blick auf Fortschritte; noch in dieser Wahlperiode wird das Leistungsvolumen in der Versicherung um 20 Prozent erhöht. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, bleibt aber bei seiner Kritik und sieht eine Bringschuld der Politik: „Wir laufen derzeit sehenden Auges auf eine Lawine der Altersarmut zu bei einer gleichzeitig immer weiter steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen.“ Dennoch sind, so Schneider, „trotz einer guten Pflegeversicherungsreform“ keine überzeugenden politischen Maßnahmen erkennbar, wie man der sich auftuenden Armutsfalle Pflegebedürftigkeit begegnen will.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare