In der Region fehlen Fachkräfte

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Andreas Creutz, Volker Köhler, Friedrich Rixecker und Hans-Joachim Giegerich sprachen mit Marc Kuhn (von links nach rechts) über den Fachkräftemangel in der Region.

Der Fachkräftemangel macht den Unternehmen in der Region zu schaffen und wird zur Wachstumsbremse. „Wir haben schon jetzt Schwierigkeiten, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden“, sagte Andreas Creutz von der Fuji Electric Europe GmbH im Interview. Von Marc Kuhn

 „Wir können sie nicht in dem Umfang und der Qualität einstellen, wie wir gerne würden“, fügte der Vize-Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach und Geschäftsführer des Softwarehauses Giegerich & Partner, Hans-Joachim Giegerich, hinzu. Ähnlich sieht es Volker Köhler vom Steigenberger Hotel in Langen. Friedrich Rixecker, bei der IHK Offenbach für Ausbildung zuständig, klagt über eine mangelnde Berufsorientierung in den Schulen.

Deutschland vergreist. Bis zum Jahr 2060 werden nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hierzulande rund 17 Millionen Einwohner weniger leben als heute. Jeder Dritte wird dann über 65 Jahre alt sein. Jeder Siebte - also rund 10 Millionen Menschen - wird sogar über 80 Jahre alt sein. Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung aus Ihrer Sicht für die Wirtschaft - auch in Stadt und Kreis Offenbach?

Köhler: Angesichts dieser Entwicklung muss das Rentenalter notgedrungen weiter erhöht werden. Im Rhein-Main-Gebiet und in Offenbach boomt die Hotelbranche. Schon jetzt fehlen die Fachkräfte. Wir müssen so planen, dass wir in den nächsten acht bis zehn Jahren genug Fachpersonal haben.

In der Hotelbranche wird bereits in Osteuropa nach Personal gesucht.

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Plädoyer für Weiterbildung

Köhler: Leider finden wir in Deutschland nicht mehr genug Fachkräfte. Natürlich müssen wir auch im Ausland nach Personal suchen. Wegen der Grenzöffnung zu Polen und der Ukraine hatten wir gehofft, gut ausgebildete Fachkräfte von dort zu bekommen. Doch leider ist Deutschland für sie nur ein Durchreiseland. Die Osteuropäer gehen in die Schweiz, nach Österreich und England. Dort sind die Verdienstmöglichkeiten besser.

Creutz: Wir machen uns keine Gedanken um 2060, sondern um 2012. Wir haben schon jetzt Schwierigkeiten, genügend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Unser Unternehmen hat einen sehr ambitionierten Wachstumsplan für die nächsten fünf Jahre aufgestellt. Wir sehen massive Probleme, bis 2015 das Personal zu finden, das wir für diesen Plan brauchen. Wir suchen vor allem Ingenieure, aber auch Auszubildende.

Giegerich: Ich kann das nur bestätigen. Bei uns fehlen Informatiker. Wir können sie nicht in dem Umfang und der Qualität einstellen, wie wir gerne würden. Auch bei uns sind Ausbildungsplätze unbesetzt geblieben. Ich denke, wegen des demografischen Wandels wird sich die Situation nicht bessern. Unser Unternehmen könnte weiter wachsen, wenn wir Personal finden würden. Es ist an allen Fronten schwierig, gutes Personal zu finden - sei es als Lehrlinge, sei es als Fachkräfte, sei es als Hochschulabsolventen.

Verhindert der Fachkräftemangel Wachstum?

Giegerich: Ja, eine spürbare Bremse unserer Unternehmensentwicklung.

Was kann man gegen den Fachkräftemangel tun?

Rixecker: Der IHK liegt die bessere Nutzung der Potenziale von Migranten sehr am Herzen. Jugendliche mit Migrationshintergrund müssen in die Ausbildung geholt werden. Aber auch die Anerkennung von Qualifikationen, die im Ausland erworben wurden, ist wichtig.

Köhler: Wir bilden junge Leute aus, um Fachkräfte zu bekommen. In diesem Bereich wird sich in den nächsten Jahren noch einiges tun müssen. Die Zahl der Lehrlinge ist bei uns im Verhältnis zur Mitarbeiterzahl recht gering, um eine gute Ausbildung zu gewährleisten. Wir halten auch an älteren Mitarbeitern fest. Ihre Erfahrung ist gefragt. Der Generationenmix aus jüngeren und älteren Mitarbeitern ist wichtig.

Creutz: Wir bemühen uns stark, die Mitarbeiter, die wir haben, auch zu behalten. Das ist nicht immer einfach. Headhunter versuchen oft Angestellte abzuwerben. Aber: Mit Geld allein hält man die Fachkräfte nicht. Man muss auf die Mitarbeiter individuell eingehen. Das ist zum Beispiel bei Frauen nach der Kinderpause wichtig.

Rixecker: Andere Unternehmen machen sich Gedanken darüber, wie sie Frauen während oder nach der Erziehungsphase besser in die Firma integrieren können. Sie bieten auch flexible Arbeitszeitmodelle an. Weiterbildungsaktivitäten für ältere Arbeitnehmer sind ebenfalls im Angebot. Wegen des Fachkräftemangels gehen Unternehmen Wege, die früher nicht notwendig waren.

Seit Mai ist der Arbeitsmarkt für Bewerber aus Osteuropa geöffnet. Ist ihr Zuzug ein Mittel im Kampf gegen den Fachkräftemangel hierzulande?

Giegerich: Ich halte das durchaus für eine Chance. In den naturwissenschaftlichen Fächern sind die Osteuropäer oft besser ausgebildet als hiesige Bewerber.

Ist der demografische Wandel der einzige Grund für den Fachkräftemangel?

Giegerich: Der demografische Wandel wird vor allem in der Zukunft der maßgebliche Treiber des Fachkräftemangels werden. Natürlich spielt auch die gute wirtschaftliche Entwicklung in der Region und in ganz Deutschland zusätzlich noch eine Rolle. Das führt dazu, dass wir in vielen Bereichen über einen Fachkräftemangel stöhnen. Möglicherweise sind in den vergangenen Jahren auch nicht genügend Nachwuchskräfte ausgebildet worden. Das rächt sich natürlich jetzt.

Also ist die Wirtschaft am Fachkräftemangel mit schuld?

Giegerich: Sie ist sicherlich nicht alleine schuld. Es gab aber den einen oder anderen, der nicht weit genug geschaut hat.

Hätte die Politik gegensteuern müssen?

Giegerich: Die Einflussmöglichkeiten der Politik sind beschränkt.

Rixecker: Die Schulpolitik hätte schon Möglichkeiten. Die Wirtschaft weist schon seit vielen Jahren darauf hin, dass zum Beispiel die Berufsorientierung in den Schulen mangelhaft ist. Es muss mehr dafür getan werden, um junge Leute für den Beruf in der Region zu begeistern. Leider passiert das viel zu wenig. Und auch die aktuelle Novelle des hessischen Schulgesetzes gibt da wenig Hoffnung. Dort findet Berufsorientierung faktisch nicht statt.

Welche Änderungen hätten Sie sich in dem Gesetz gewünscht?

Rixecker: Es wäre schon schön, wenn die Zusagen der hessischen Landesregierung aus dem Ausbildungspakt erfüllt würden, wo gesagt wurde: Berufsorientierung wird ein integraler Bestandteil des gesamten Unterrichts. Bei jedem Fach kann man einen beruflichen Bezug herstellen. Die Praxisorientierung im Unterricht muss überhaupt verbessert werden. Im Pakt steht auch drin, dass die Lehrerausbildung überarbeitet werden soll. Lehrer sollen in die Lage versetzt werden, Schüler besser auf das Berufsleben vorzubereiten, quasi ein Pflichtmodul in der Lehrerausbildung. Auch das ist nicht angepackt worden. In der Verordnung zum neuen Lehrerbildungsgesetz sucht man auf 169 Seiten das Wort Berufsorientierung vergebens. Das heißt, die Schulpolitik setzt falsche Schwerpunkte.

Junge Menschen setzen immer öfter ihre Schulkarriere fort, statt eine Ausbildung zu beginnen. Ist der Mittelstand nicht attraktiv mit seinen Lehrstellenangeboten?

Giegerich: Der Mittelstand ist attraktiv. Es wird nicht ausreichend dafür geworben, die Schule zu verlassen. Oft wird Schülern gesagt, ihr findet ohnehin keine Lehrstelle. Geht weiter in die Schule. Das stimmt nicht. Jede Menge Ausbildungsplätze bleiben mittlerweile unbesetzt. Das Handwerk hat noch größere Probleme als wir.

Also sind die Schulen mitschuldig am Fachkräftemangel in Deutschland.

Giegerich: Schulen regen nach meiner Auffassung, nach Gesprächen mit jungen Leuten zu wenig dazu an, die Schule zu verlassen und sich einem Beruf zuzuwenden.

Rixecker: Die IHK hat ihre Aktivitäten in den Schulen massiv ausgebaut, um dafür zu werben, dass Kinder in die Lehre gehen. Ich kann nur sagen, der Ausbildungsmarkt war aus Sicht der Jugendlichen noch nie so toll wie zurzeit. Wir haben in Offenbach mehr gemeldete Stellen und weniger Bewerber. Wer jetzt eine Lehre will, der findet eine.

Ist die Qualifikation der Schüler ein Problem?

Köhler: Es ist erschreckend, wie das Niveau in den letzten fünf, sechs Jahren nachgelassen hat. Bei den Tests, die wir machen, spiegelt sich meist nicht wider, was auf den Zeugnissen steht. Oft müssen wir Abstriche machen.

Wird sich der Fachkräftemangel in den nächsten Jahren verschärfen?

Köhler: Auf jeden Fall.

Creutz: Der Mangel wird sich definitiv verschärfen. Viele ältere Ingenieure gehen in Rente und es kommen nicht genügend Jüngere in die Betriebe.

Giegerich: Das Problem wird sich in Stadt und Kreis Offenbach auf jeden Fall verschärfen. Leider.

Quelle: op-online.de

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