„Mediziner sollten Reform machen“

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Reinhold Jerwan-Keim.

Offenbach - Auch finanzielle Anreize können Mediziner nicht in ländliche Regionen locken, wie eine Studie der Bertelsmann Stiftung und des Forschungsinstituts Iges ergeben hat.

Der Dietzenbacher Allgemeinmediziner Reinhold Jerwan-Keim ist Obmann der Ärzteschaft Dietzenbach, Heusenstamm und Obertshausen. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Ralf Enders über den Ärztemangel.

Ärztliche Unterversorgung - ist das im Rhein-Main-Gebiet und im Kreis Offenbach überhaupt ein Thema?

Absolut. Im Kreis Offenbach gibt es mindestens vier freie Allgemeinmedizinerstellen. Einen Kollegen zu finden, der die Ausbildung absolvieren will, ist mehr als schwierig.

Wir haben im Deutschen Ärzteblatt und im Hessischen Ärzteblatt mehrfach Anzeigen geschaltet um einen Assistenten zu gewinnen. Nicht ein einziger hat sich gemeldet. Nur durch Zufall haben wir unsere Assistenten geworben, weil sie bei uns Patienten waren.

Es hat kaum einer Interesse, Arzt zu werden, besser gesagt, sich niederzulassen. Die Bedingungen bei einer Niederlassung werden immer schwieriger. Mit jeder neuen Reform werden den Medizinern die Daumenschrauben angezogen. Deshalb hat man auch zahlreiche Notdienstzentralen zusammengelegt, da keiner mehr gewillt ist, für 13,68 Euro einen Hausbesuch zu machen.

Es wird zwar immer berichtet, die Ärzte jammern auf hohem Niveau, doch sieht keiner, welche Verantwortung der einzelne Arzt auf sich nimmt. Wir befassen uns mit dem empfindlichsten und unbezahlbarsten Problem: der Gesundheit! Wenn wir einen Fehler machen, fällt die Medienlandschaft über uns her. Wenn ein Aufsichtsratschef wegen Unzulänglichkeit entlassen wird, erhält er eine Abfindung in Millionenhöhe. Uns wird hingegen im „worst case“ die Zulassung entzogen.

Wie beurteilen Sie das 2012 in Kraft getretene Versorgungsstrukturgesetz, vulgo Landärztegesetz, vor allem mit Blick auf die Versorgung mit Fachärzten?

Auch wenn man Anreize bietet für die Niederlassung im ländlichen Gebiet: Die meisten zieht es in die Städte, nicht nur wegen des Freizeitwertes. Auch die nächtlichen Bereitschaften entfallen.

Die Anreize der Regierung locken keinen aus der Reserve. Seit meiner Niederlassung wurde zigmal die Honorarverteilung geändert, nie mit dem Ergebnis, dass wir Ärzte mehr bekommen. Im Gegenteil, immer mehr Verwaltungsaufwand und Abrechnungshürden machen uns das Arbeiten schwer. Es gibt keine Albert Schweitzers mehr, die Medizin aus Passion machen. Ich mache nach wie vor gerne Medizin, aber der Verwaltungsaufwand ist abschreckend.

Wir bekommen für einen Patienten zu Beginn des Quartals eine Pauschale - egal ob er einmal oder 20-mal in die Praxis kommt. Klar, dass unter dieser Prämisse ein Facharzt Termine in längerem Abstand vergibt. Auch wenn sich die Fachärzte aufregen, wir erleben es fast immer wieder, dass etwa ein Patient mit Bandscheibenvorfall erst in ein paar Wochen einen Termin bekommt.

Fachleute machen die Rechnung auf, dass ein Prozent mehr Privatversicherte einer Region eine um zwei Prozent höhere Ärztedichte bringt. Spielt der Wohlstand einer Region diese Rolle und ist das auch so im Frankfurter Speckgürtel?

Möglicherweise - bei Privatpatienten kann man am ehesten noch die ärztliche Leistung angemessen honoriert bekommen. Auch wenn sich seit fast 20 Jahren das Honorar für Privatpatienten nicht geändert hat.

Sicher wird man sich in der Frankfurter Goethestraße eher niederlassen als auf dem Land. Wer will denn nicht nach einem sehr langen Studium und Assistenzzeit ein angenehmes Leben führen? Warum wirft man das den Ärzten vor, und von Aufsichtsräten oder Anwälten spricht keiner?

Welche Wünsche hat die Ärzteschaft an die Politik?

Die Politik sollte endlich begreifen, dass wir für das zuständig sind, das eigentlich unbezahlbar ist: die Gesundheit! Es wird immer weniger Ärzte geben, wenn man nicht bereit ist, die Leistung adäquat zu honorieren.

Es sollte eine Reform generiert werden, die die ärztliche Leistung in Euro und nicht in Punkten darstellt. Außerdem sollte der Verwaltungsaufwand deutlich reduziert werden. Wir sind Mediziner und keine Verwaltungsbeamten, womit ich natürlich nichts gegen Beamte sagen möchte. Aber wir arbeiten etwa zu 70 Prozent für den Verwaltungsaufwand und zu 30 medizinisch - wenn überhaupt.

Eine Reform sollte von Medizinern gemacht werden, nicht von Politikern, die mal Verteidigung- oder Familienminister waren.

Wann hört die Politik endlich die Rufe der medizinischen Kassandra?

Quelle: op-online.de

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