Rendezvous mit schönen Künsten

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Viele Besucher drängten sich bei der zehnten „Nacht der Museen“ am Eingang zu einer Sonderausstellung unter dem Titel „Caravaggio in Holland“ im Städel.

Frankfurt - Wer jetzt noch Angst vor den Frankfurter Museen hat, ist selbst schuld. Im zehnten Jahr präsentierte die oft als kalte Bankenmetropole gescholtene Stadt ihre imagepflegende „Nacht der Museen“, und auch dieses Mal glückte der Plan mit dem Kulturfest. Von Michael Eschenauer

Schon um 19 Uhr ist am Samstagabend auf dem Römerberg ohne eine 30-minütige Wartezeit keiner der Zwölf-Euro-Buttons zu kriegen, die zum Eintritt in die Museen berechtigen und die die Tore zu den Partys in den Museumsparks öffnen. Mit einsetzender Dämmerung machen sich dann die Besucher - am Ende des Abends wird man ihre Zahl auf 40 000 schätzen - auf den Weg zu den 46 Museen.

Die drei Wände aus perfekt aufgeschichteten, durchsichtigen Eisquadern locken die Schaulustigen vor die Schirn. „Die Installation geht auf ein Projekt des Künstlers Allan Kaprow im Jahre 1967 zurück. Gezeigt werden soll die Vergänglichkeit auch des Perfekten“,klärt Michael Kips die Neugierigen auf. Er hat mit Kollegen die 336 Eisblöcke geschichtet. Und was ist mit der Vergänglichkeit? „Na ja, jetzt sieht das hier ja perfekt aus. Aber in eineinhalb Tagen ist das nur noch ein formloser Eishaufen“,sagt Kips.

Bilder von der Nacht der Museen

Nacht der Museen in Frankfurt

Selbst die geübten Museumsgänger schaffen an so einem Abend kaum mehr als vier bis fünf Häuser. Zu groß ist das Angebot. „Sie können einen ganzen Abend in nur einem Museum verbringen, ohne dass es langweilig wird“, sagt Heide Gebhard aus Groß-Gerau. Und eine andere Besucherin findet: „Das ist mir alles ein bisschen zu viel. Warum machen die einzelnen Museen nicht ab und zu mal ihr eigenes Fest?“ So etwas sei überschaubarer und intensiver zu genießen, sagt sie. Und weiter: „An normalen Wochenenden haben die in den Ausstellungen nur ein oder zwei total überlaufene Führungen, und heute erschlagen sie einen mit Angeboten.“

Kritik hin, Konzept her. Sie kommen alle. Die späten Shopper von der Zeil vermischen sich mit Bildungsbürgern, event-hungrigen Yuppies, Familien, jungen Grüppchen. In der Dunkelheit wird die „Nacht der Museen“ zu einer Art Inselhopping. Man besucht beispielsweise die eindrucksvolle Fotoausstellung des armenisch-iranischen Fotografen Antoine-Khan Sevruguian im Museum der Weltkulturen, lässt nach einer guten Dreivierteltstunde die sich lausenden Nomaden, den gebückten Bettler oder die Straßenszene im Westiran aus dem Jahre 1880 sowie die Klänge des Trommelworkshops hinter sich und taucht in das frühlingsmilde Dämmer des Museumsparks ein. Hier, zwischen den hell leuchtenden Museumsinseln, ist die Luft gesättigt von Duftwolken exotischer Gerichte und vielerlei Klängen, die aus den geöffneten Fenstern der Museen dringen. Ein paar Meter weiter stößt man auf das Städel - an diesem Abend einer der Hauptanziehungspunkte der Massen. Hier ist kaum mehr eine geordnete Vermittlung von Inhalten bei den Führungen möglich. Schon in der Eingangshalle herrscht eine Stimmung wie auf dem Flughafen beim Pilotenstreik. Genervtes Sicherheitspersonal versucht die Menschenströme zu ordnen, und um die Ausführungen der zierlichen Museumsführerin „zur Kontrastkonzeption bei Caravaggios Dornenkrönung“ zu verstehen, bräuchte man ein empfindliches Richtmikrophon. Aber egal: Ziel eines solchen Festes kann nur sein, den Leuten Appetit zu machen auf mehr. Wer den Rest des Jahres nicht bereit ist, für ihm womöglich unbekannte Künstler zum Teil saftige Eintrittspreise zu riskieren, der ist mit so einem Kulturfest und seiner 12-Euro-Pauschale perfekt bedient. Da mag das Bildungsbürgertum ruhig über den „Klamauk“ die Nase rümpfen.

Für viele muss es heute auch nicht immer nur reine Kultur sein. Das zeigt die immense Schlange vor dem Stand mit „Meyers knackiger Riesen-Thüringer“, die genauso lang ist wie bei der Michelangelo-Führung ein paar Meter weiter. Wer Geduld hat, kauft sich einen Wein, lässt sich auf den Eingangsstufen des Städel nieder und lauscht George Winstons Solo-Piano mit Blick auf die Skyline.

Während vor den Flaggschiffen Rummelplatzatmosphäre herrscht, kann man bei den kleineren Häusern in Ruhe Kunst oder Stimmung inhalieren. Das Liebieghaus glänzt nicht nur mit seiner Skulpturensammlung, sondern auch durch seinen Park, in dem man sich auf Bänken von einem brennenden Riesen-Holzscheit wärmen lassen kann. Im Hintergrund schimmert die angestrahlte Ariadne auf dem Panther und vom Thai-Stand weht Korianderduft hinüber. Drinnen amüsiert sich ein Pärchen über die Darstellung der „Schlacht des Teufels mit dem alten Weib“ und fragt sich, ob der Teufel vielleicht diesmal am Ende verloren hat. Andere bewundern die Statue des Diskuswerfers von Naukydes. Manche vergessen aber auch die unzähligen Events, klinken sich aus und setzen sich in Hörweite des Discjockeys, der afrikanischen Ethno-Pop aufgelegt hat.

Fast 200 Meter lang ist die Schlange vor dem Westhafen-Tower. Das westliche Ende des Festes ist erreicht. Wer genug Geduld investiert, wird oben mit einem eindrucksvollen Skyline-Blick und modernem Jazz belohnt. Das Riesenrad der Dippemess am östlichen Horizont dreht sich. Auch eine Art der Freizeitgestaltung, aber an diesem Abend macht die Kultur das Rennen.

Quelle: op-online.de

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