„Belastend ist das allemal“

Reportage: Die letzten Stunden vor der Abschiebung

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Der Aufenthaltsraum für rückzuführende Frauen und Männer und das angrenzende Arbeitszimmer der Bundespolizei, aufgenommen auf dem Flughafen in Frankfurt.

Frankfurt - Vom Frankfurter Flughafen sind 2015 mehr Menschen abgeschoben worden als in den Jahren zuvor. Die Bundespolizei erlebt dabei Verzweiflungstaten, Widerstand und manchmal auch Dank. Von Ira Schaible

Am Frankfurter Flughafen endet jedes Jahr für Tausende der Traum von einem besseren Leben in Deutschland. Menschen aus vielen Teilen der Welt verbringen die letzten Stunden vor ihrer Zwangsausreise am Terminal. Der größte Airport der Republik ist zugleich der größte Abschiebe-Flughafen. Nahezu jeden Tag werden Männer, Frauen und Familien aus ganz Deutschland zum Parkplatz im Osten des Terminals gebracht. Die meisten müssen zurück in ihre Heimat, weil ihr Asylantrag abgelehnt wurde. Einige werden auch nach dem Dublin-Übereinkommen in das europäische Land zurückgeflogen, in dem sie zuerst in die Europäische Union eingereist sind. Manche sind zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilte Straftäter.

"Die Leute kommen geschockt hier an", berichtet Robert Seither von der Caritas, der einige Abschiebungen beobachtet hat und die betroffenen Menschen bis zum Flugzeug begleiten kann. Viele seien mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden und hätten höchstens eine Stunde Zeit gehabt, ihre Sachen zu packen. Sie seien empört und aufgebracht oder auch resigniert. Und viele, die schon einmal in Italien, Bulgarien oder Ungarn auf der Straße gelebt hätten, wollten da einfach nicht mehr hin. Die 2006 eingerichtete Stelle der Abschiebungsbeobachtung teilen sich die katholische und evangelische Kirche. In der Regel sind es Polizisten des jeweiligen Bundeslandes, Vertreter der Ausländerbehörde oder des Ordnungsamtes, die die Menschen abholen und sie am Flughafen übergeben, wie Christian Altenhofen erklärt, der Sprecher der Bundespolizei am Flughafen. "Die eigentliche Entscheidung über die Abschiebung liegt in der Zuständigkeit des jeweiligen Bundeslandes." Die Länder organisieren die Abschiebung der Menschen. In Hessen dürfen das Journalisten derzeit aber nicht begleiten.

Die Inschrift "Ich war hier am 7.04.04 nach 12 Jahren Deutschland" ist am Bett in einem Aufenthaltsraum zu sehen

Vom Parkplatz unter dem Terminal geht es mit einem Aufzug zur Bundespolizei, die über die Ankunft der Abzuschiebenden bereits informiert ist. "Die Zentrale Rückführung informiert" steht über einem Blatt am Lift. Die Ankunft der "Schüblinge" - wie die Menschen im Behördenjargon heißen - wird über ein Telefon angekündigt, erst dann funktioniert der Aufzug. Oft kommt den Ausländern schon ein Bundespolizist entgegen und nimmt sie auf dem Parkplatz in Empfang. "Wir gewinnen dann schon mal einen Eindruck, in welcher Verfassung der Schübling ist, und wie wir uns aufstellen müssen", sagt die zuständige Inspektionsleiterin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung und im Internet lesen möchte. Dabei gehe es darum, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und dem Menschen "deutlich zu machen, welche Konsequenzen ihn erwarten, wenn er jetzt nicht fliegt". Transparenz und Klarheit seien das A und O. "Ein Teil unserer Aufgabe ist es auch, die Leute zu beruhigen", ergänzt Sprecher Altenhofen. Für viele sei die Abschiebung ein "Riesenstress", weil sie keine Perspektive sähen.

Fast 4000 Menschen vom Frankfurter Flughafen abgeschoben

Fast 4000 Menschen sind 2015 vom Frankfurter Flughafen abgeschoben worden. Etwa die Hälfte aller Abschiebungen betraf allein Männer. Je ein Viertel waren alleinreisende Frauen und Familien. 2014 und in den Jahren davor wurden der Bundespolizei zufolge jeweils etwa 3000 Menschen abgeschoben, deutlich weniger als im Rekordjahr 1993. Damals waren es 14 500 Menschen. Für mehr als 2000 Menschen in diesem Jahr wurde der geplante Flug zunächst storniert, weil sie Widerstand leisteten, ihr Asylantrag noch lief oder ihre Papiere nicht gültig waren. Manchmal ließ auch ihr Gesundheitszustand eine Abschiebung nicht zu, wie Sprecher Altenhofen erläutert. Bei einigen stand auch noch die Entscheidung eines Verwaltungsgerichts über den Asylantrag aus.

Die rechtlichen, psychologischen und polizeitechnischen Grundlagen für den Umgang mit abzuschiebenden Ausländern lernen die Bundespolizisten in einem 14-tägigen Lehrgang zum "Personenbegleiter Luft" (PBL). Dazu gehört auch die Entscheidung, ob zwei PBL - oder möglicherweise sogar ein Arzt - mitfliegen müssen, oder ob die Abschiebung besser abgebrochen wird. Manchmal kann auch nicht abgeschoben werden, weil in der Maschine kein Platz mehr für einen Begleiter ist, oder der Kapitän ablehnt. So wie bei einem sichtlich mitgenommenen Iraker, den die Ausländerbehörde aus dem nordrhein-westfälischen Mettmann nach Frankfurt gebracht hat. Er sollte wegen des Dublin-Abkommens zurück nach Sofia. Der Mann sei verzweifelt gewesen und habe geweint, daher hätten die Kollegen kurzfristig entschieden, ihn sicherheitshalber im Flugzeug zu begleiten, berichtet ein Dienstgruppenleiter. Das wollte der Kapitän aber nicht, weil in der Maschine schon ein anderer Rückkehrer mit Sicherheitsbegleitung saß. Der Iraker wurde zurück nach Nordrhein-Westfalen gebracht. "Wir erwarten ihn wieder."

"Keine Abschiebung um jeden Preis"

Die Leitlinie lautet: "Keine Abschiebung um jeden Preis", wie Altenhofen betont. "Keine Rückführung ist es wert, dass Menschenleben oder die Gesundheit von Menschen gefährdet wird." Bei etwa einem Drittel der Abschiebungen flögen zwei PBL mit. Sie übergeben die Menschen dann den Behörden am Zielflughafen. Deutlich weniger als ein Drittel der Menschen, die in Begleitung von Bundespolizisten abgeschoben werden, sind Straftäter und während des Flugs gefesselt. Da ihre Handschellen bei einem Notfall möglicherweise niemand öffnen könnte, werden ihre Hände mit Klettbändern fixiert. Sie warten vor der Abschiebung am Flughafen auch nicht zwischen den abgelehnten Asylbewerbern, sondern in eigens dafür vorgesehenen weiß gekachelten Zellen.

Kabelbinder hängen an einer Tür zur Arestzelle

Seit September gibt es vom Airport Frankfurt aus auch Sammelrückführungen. Fünf Chartermaschinen mit jeweils 100 bis 125 Menschen haben bislang abgehoben - mit Ziel Albanien, Mazedonien und Kosovo. "Einige Ausländerbehörden tun derzeit fast alles, um die Leute vom Balkan ins Flugzeug zu kriegen", kritisiert Bernd Mesovic von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. Er erzählt von Menschen, die abgeschoben werden sollten, obwohl sich eine Härtefallkommission dagegen ausgesprochen und ein Petitionsausschuss noch darüber beraten habe. Vom Aufzug im Terminal geht es durch einen langen Flur zu einem Warteraum mit Holzbänken. Der Raum entspräche bei einem normalen Flug dem Gate, sagt Sprecher Altenhofen. Dass der Raum keine Fenster hat, liegt allein an den Gegebenheiten des Gebäudes, wie der Dienstgruppenleiter versichert, der seinen Namen nicht veröffentlichen will. Die Landespolizei oder andere Behördenvertreter des sogenannten Transportkommandos begleiten ihre Schützlinge bis zur anschließenden Luftsicherheitskontrolle.

Durchleuchtet, ausgezogen

Dabei wird in einem eigenen Raum das Gepäck der Abzuschiebenden durchleuchtet. Sie selbst werden durchsucht, müssen sich meist auch ausziehen. "Anschließend beginnen wir mit der lückenlosen Dokumentation", sagt der Dienstgruppenleiter. Dazu gehört: Wie ist der Ausländer gekommen? Hat er Verletzungen? Hat er Wertgegenstände? Wer hat ihn gebracht? "Bei fünf bis zehn Prozent der Abschiebungen kommt es zu Widerständen jedweder Art." Das kann von körperlicher Abwehr bis zu Selbstverletzungen reichen. Manche bekommen gesundheitliche Probleme oder brechen zusammen, andere spielen einen Zusammenbruch vor. Zu den schlimmsten Erlebnissen des Dienstgruppenleiters in 14 Berufsjahren gehört der Moment, als sich ein Pakistani mit einer Rasierklinge am Hals verletzte, dabei seine Halsschlagader traf und das Blut nur so spritzte. Der Mann habe glücklicherweise überlebt. Unangenehm und wegen der Infektionsgefahr schwierig sei auch der Umgang mit einem Libanesen gewesen, der sich vor wenigen Wochen von oben bis unten mit seinem Kot eingeschmiert habe.

Mehr als 6000 Flüchtlinge in Heimat zurückgekehrt

"Heute ist mehr Widerstand da", sagt der Dienstgruppenleiter. Anfang der 1990er Jahre seien zwar wesentlich mehr Menschen abgeschoben worden. Viele von ihnen seien aber Osteuropäer gewesen, die auf dem Bau illegal Geld verdient hätten und mit einer Rückkehr in die Heimat prinzipiell einverstanden gewesen seien. Heute verstünden viele nicht, warum Hunderttausende nach Deutschland dürften und ausgerechnet sie zurück müssten, insbesondere wenn sie schon länger in Deutschland lebten. "Sie fühlen sich benachteiligt." Wichtig sei es, "sich verständnisvoll gegenüber der rückzuführenden Person zu verhalten", betont der Dienstgruppenleiter. Manche haben in der Eile, in der sie packen mussten, eine warme Jacke, feste Schuhe oder andere Kleidungsstücke vergessen. In solchen Fällen helfen die Bundespolizisten oft aus ihrem eigenen Fundus. "Man erkennt die Nöte."

An Kinder werden auch mal Buntstifte und kleine Bücher verteilt. Übergepäck, das die Airline nicht mitnehmen will, wird vorübergehend aufbewahrt, bis es jemand abholen oder nachschicken kann. Dafür wird oft noch umgepackt, weil die Menschen in ihrer Eile einfach alles in verfügbare Koffer oder Taschen geworfen haben. "Unsere Aufgabe ist nur der reine Vollzug", sagt der Dienstgruppenleiter. "Wir versuchen aber, das so ideal wie möglich zu gestalten." Bei der Grenzkontrolle, die nach der Luftsicherheitskontrolle folgt, wird noch einmal überprüft, ob es wirklich die richtige Person ist und die Grenzübertrittspapiere stimmen. "Die Menschen sind in der Regel zwei bis drei Stunden bei uns, eine Stunde vor Abflug geht es raus aufs Rollfeld, damit sie vor den anderen Passagieren an Bord sind", berichtet der Dienstgruppenleiter.

Abflug in eine meist ungewisse Zukunft  

Nachdem sich ein Bundespolizist über das Telefon angemeldet hat (gestelltes Foto), betritt er über einen Aufzug die "Zentrale Rückführung".

Auf ihren Abflug in eine meist ungewisse Zukunft warten die Menschen in einem gekachelten Raum. Um sie vor den Blicken anderer abzuschirmen, hat die Bundespolizei Schutzfolie an die Fenster geklebt. Einige Wartenden haben in ihrer Verzweiflung, Wut oder Resignation Wörter in verschiedenen Sprachen in die Folie gekratzt. Um die belastende Wartezeit erträglicher zu gestalten, gibt es auf Wunsch Wasser und Kekse, Hygieneartikel und Babyfläschchen. Telefonieren können die abgewiesenen Ausländer auch. Für Menschen, denen es körperlich oder psychisch besonders schlecht geht, gibt es einen kleinen, karg ausgestatteten Raum mit einem Bett. "Ich war hier am 07.04.04. nach 12 Jahren Deutschland" lautet einer der in das Holz gekritzelten Sätze.

"Es ist wichtig, empathisch rüberzukommen", beschreibt der Dienstgruppenleiter eine der Leitlinien seiner schwierigen Arbeit. "Es steht ja außer Frage, dass da zwei Interessen aufeinanderprallen." Viele sind kurz vor ihrer Abschiebung verängstigt, verzweifelt oder verstört. "Belastend ist das allemal." Zu den positiven Erlebnissen seines Berufs gehöre es, wenn sich jemand bei ihm für die gute Behandlung bedanke oder sich für eine Widerstandshandlung entschuldige mit Worten wie: "Ich habe es halt irgendwie versucht." Der Gruppenleiter betont aber auch: "Mit Ponyhof hat das hier nichts zu tun. Man muss bestimmt handeln." "Im Prinzip handeln die Beamten korrekt", sagt Abschiebungsbeobachter Seither. Es gebe allerdings schon individuelle Unterschiede im Umgangston und in der Bereitschaft, den Rückkehrern entgegenzukommen. "Das Hauptproblem liegt aber im Vorfeld." So seien viele Entscheidungen fragwürdig, die Informationen in den Akten oft lückenhaft und immer wieder stehe noch ein Gerichtsbeschluss aus. Vor gut 15 Jahren starb ein Sudanese während seiner Abschiebung in einem Flugzeug. Seither sei vieles besser geworden, sagt Pro Asyl. Abschiebung habe sich mit Blick auf die Menschenwürde in den vergangenen zehn, 15 Jahren gewandelt, stellt Seither fest. Die Standards seien seit den 1990er Jahren viel besser geworden, sagt auch der Dienstgruppenleiter der Bundespolizei. "Die müssen wir beibehalten, wenn es wieder deutlich mehr Rückführungen gibt."

dpa

Quelle: op-online.de

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