Rettungskarten für Autos

Feuerwehrleute beim Verkehrsunfall unter Strom

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Die Freiwillige Feuerwehr Rembrücken demonstriert das „Knacken“ eines Autos. Elektrosysteme, Kraftstoffleitungen oder Airbags bergen viele Gefahren für die Helfer. Gut, wenn sie eine Rettungskarte des Wagens zur Hand haben. Bloß: Wohin damit?

Offenbach - Die Autohersteller bieten sie nur verschämt an, der ADAC möchte sie unter der Sonnenblende verstecken, und die Bundesregierung kann sich zu keiner gesetzlichen Regelung durchringen: Rettungskarten für Autos sind immer noch kein Standard. Von Ralf Enders

Zum Leidwesen der Feuerwehren. Ein Hainburger Unternehmer kämpft weiter für sein Modell. Wer beim Tag der offenen Tür der Rembrücker Feuerwehr im August dabei war, der bekam mehr geboten als Zielspritzen und Hüpfburg. Eindrucksvoll demonstrierten die Helfer die Rettung von eingeklemmten Verletzten bei einem Verkehrsunfall. Gingen sie früher im Wortsinn mit der Brechstange, anschaulich „Dosenöffner“ genannt, zu Werke, haben die Retter heute freilich hydraulische Scheren. Doch deren Einsatz ist gefährlich für die Feuerwehrleute. Nicht nur wegen der Scheren.

Was den Rettern das Leben schwer macht, sind moderne Autos. Denn all die Segnungen in Sachen Sicherheit, Komfort und neue Antriebe bergen große Gefahren beim rabiaten Schnitt. Und kosten wertvolle Minuten bei der Rettung schwer verletzter Menschen. Airbags, Gurtstraffer, Karosserieverstärkungen, Hybrid- oder Elektrosysteme, Kraftstoffleitungen, Batterien, Gastanks, Sicherheitsventile, Steuergeräte und, und, und – wer hier etwas durchtrennt, dem fliegt leicht was um die Ohren.

Leben retten ist lebensgefährlich

Die erste von sechs Seiten Rettungskarte des neuen BMW-Elektroautos i3. Der Stromer ist ebenso richtungsweisend wie komplex. Bei einem Unfall sind die Retter heilfroh für die Informationen. (Bild vergrößern)

Beispiel Airbag: Er wird im Prinzip durch Sprengstoff ausgelöst, und Gasgeneratoren stellen das Gas zum Befüllen bereit. Nicht aufgefüllte Luftkissen sind somit wie ein Minenfeld für die Feuerwehr. Zudem können beim versehentlichen Auslösen herumliegende Gegenstände oder Werkzeug gegen die Wehrleute geschleudert werden. Beispiel Elektro- oder Hybridautos: Sogenannte Hochvoltbauteile sind mit bis zu 1000 Volt aufgeladen. Kurz: Leben retten ist lebensgefährlich. Kein Wunder, dass die Feuerwehren allerorten die Autofahrer eindringlich zu Rettungskarten ermahnen. Und dass die Rembrücker Feuerwehrleute die Rettungskarten zum Schwerpunkt ihrer Veranstaltung machten.

Der Hainburger Unternehmer Kurt Koch will - neben dem legitimen Ziel des Geldverdienens - den Feuerwehren helfen. Sein „SafetyBag“ ist eine patentierte Erfindung (Nr. DE 10 2010 055 794.3). Wichtigster Inhalt der „Sicherheitstasche“: Eine gefaltete, fahrzeugspezifische Rettungskarte mit allen Konstruktionsdetails und relevanten Informationen für die Aufschneider. Wo können wir die Schere ansetzen, wo darf auf keinen Fall etwas durchtrennt werden? Bislang hat Koch die adhäsiven, also selbsthaftenden Sicherheitstaschen so konzipiert, dass sie hinter der Feinstaubplakette Platz finden - gut sichtbar und nicht störend. Das Wort „Rettungskarte“ ragt deutlich über die Plakette hinaus. Variante F (Feinstaubplakette) heißt das bei Kochs Firma KL-Products.

Dass die Rettungskarten noch kein Standard sind, ist für Koch unverständlich: „Bei jedem technischen Gerät steht der Verbraucherschutz an erster Stelle. Warum nicht bei den Kraftfahrzeugen?“

Herunterladen, ausdrucken und im Fahrzeug platzieren

Der Hainburger Unternehmer Kurt Koch kämpft für sein Modell der Rettungskarte auf Papier, die hinter der Feinstaub- oder Mautplakette befestigt wird.

In der Tat muss immer noch der Autofahrer für die Rettungskarte sorgen, sie sich von einer der zahlreichen Internetseiten herunterladen, ausdrucken und im Fahrzeug platzieren. Die Autohersteller beglücken ihre Kundschaft zwar mit daumendicken Bedienungsanleitung für das elektronische Kasperletheater auf vier Rädern - aber die eins bis sechs Seiten Rettungskarten legen sie ihren Neuwagen nicht bei. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) setzt stattdessen auf die 2013 eingeführte Software „SilverDAT FRS“. Damit können die Feuerwehren per Kennzeichenabfrage beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg die Datenblätter abrufen. Allerdings ist das elektronische System noch nicht bei allen Rettungsleitstellen und Feuerwehren installiert. Zudem sind elektronische Systeme meist mit dem Verlust wertvoller Zeit verbunden. Auch deshalb plädieren nicht wenige Feuerwehrleute für den haptischen Vorteil von Papier.

Auf den setzt auch der ADAC, allerdings wirbt der trotz aller Skandale immer noch mächtige Automobilclub für seine eigenen analogen Rettungskarten, die hinter der Fahrer-Sonnenblende platziert werden. Dort allerdings müssen die Feuerwehren die Scheibe zu nah am Kopf des Fahrers einschlagen, um an die Informationen zu gelangen. Zudem wird die Sonnenblende natürlich öfters auf- und zugeklappt, und wenn es nur zum Nachschminken ist...

Mercedes-Benz rüstet seine Neuwagen mit einem QR-Code aus, der - im Tankdeckel und auf der gegenüberliegenden B-Säule angebracht - per Smartphone oder Tablet ausgelesen werden kann und die Konstruktionsdetails liefert. Die EU plant für 2015 das „ecall-System“, mit dem alle Autos bei einem Unfall automatisch einen Notruf absetzen und die Fahrzeuginfos mitliefern. Das System gilt freilich nur für Neuwagen.

Die Bundesregierung kann sich in dem Interessens-Wirrwarr und Lobbyisten-Druck zwischen EU, ADAC, Autoindustrie und freier Wirtschaft zu keiner Meinung oder gar Lösung durchringen. Auf Anfrage lieferte das Verkehrsministerium nur eine Beschreibung des Ist-Zustandes; auf die mehrmalige Bitte um eine Stellungnahme, welches Modell Berlin favorisiert, reagierte das Ministerium nicht. Ein typisch deutsches Durcheinander also, bei dem sich im Interesse der Unfallopfer und Retter am Ende ein System durchsetzen sollte. Kurt Koch in Hainburg hofft, dass es seines ist.

Quelle: op-online.de

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