Rhetorisch brillante Haifischflosse

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Landtagsstenografin Heike Schmier bei der Arbeit.

Wiesbaden - Selbst der schnellste Redner bringt einen erfahrenen Stenografen nicht ins Schwitzen. Bis zu 475 Silben pro Minute können solche Schreiber aufs Papier bringen, bei einem Durchschnittsredetempo von 280 Silben. Von Anja Hübner (dpa)

Doch die Jobs für professionelle Schnellschreiber sind heutzutage rar, und immer mehr Stenografenvereine als Ausbildungs- und Übungsstätten schließen. Das vielleicht letzte Refugium für die Zunft hauptberuflicher Stenografen sind die Parlamente. So dokumentieren Stenografen im hessischen Landtag nicht nur Reden, sondern auch Zwischenrufe, ordnen sie den Abgeordneten zu und vermerken, von welcher Fraktion jeweils Beifall kommt. Tonaufnahmen allein könnten das nicht leisten, und jeder Zehn-Finger-Tastaturschreiber wäre zu langsam.

„Der hessische Landtag ist ein sehr lebendiger. Das muss dokumentiert werden“, sagt Dieter Ehrenberger, Leiter des Stenografischen Dienstes in Wiesbaden. Neun Schreiber kann er einsetzen, vier Frauen und fünf Männer. Im 10-Minuten-Turnus stenografieren sie die Debatten der Politiker mit.

Detlef Spalt ist einer der schnellen Schreiber. Mit weißem Hemd und roter Fliege sitzt er im Plenarsaal auf der Stenografenbank, den Redner im Rücken, die Abgeordneten im Blick. Ein Zwischenruf unterbricht die Rede einer Grünen-Abgeordneten. Sein Blick schweift über die Sitzreihen. Wer hat das gerufen? Wer klatscht? Sein Bleistift flitzt weiter über das Papier. Eine Stenografin neben ihm klopft auf den Tisch: Das Zeichen, dass sie übernimmt. Spalts Einsatz ist vorbei.

Fast elf Seiten DIN-A5-Papier hat er vollgeschrieben in den zehn Minuten hochkonzentrierten Arbeitens. Jetzt sitzt er in seinem Arbeitszimmer und liest den Text in ein Diktiergerät. Später wird ihn eine Mitarbeiterin abtippen und dem Redner noch einmal vorlegen. „Ohne Stenografen würden viele Kommentare und Reaktionen der Abgeordneten verloren gehen“, sagt der Mathematiker.

„Stenografie ist inzwischen etwas Exotisches“, meint Ehrenberger. Früher sei Stenografie noch in den Büros gefragt gewesen. Er nutzt sein Können auch privat. „Zum Beispiel, um einen Einkaufszettel zu schreiben oder Telefonnotizen zu machen.“

Mit Kurzschrift lässt sich drei- bis fünfmal schneller schreiben als mit der normalen Langschrift. Doch bis zu diesem Können ist viel Fleiß nötig: „Stenografie zu lernen ist vergleichbar damit, eine Fremdsprache zu lernen“, sagt Ehrenberger. „Man muss trainieren, nach Diktat zu schreiben und die vielen Kürzel wie Vokabeln auswenig lernen.“ Die Stenografie-Zeichen sind verkürzte Buchstaben: Ein „t„ ist nur noch ein senkrechter Strich, ein „b“ ein Strich mit Haken. Die Länge von Verbindungslinien kennzeichnet die Vokale.

Zudem denke sich jeder Parlamentsstenograf eigene Kurzformen aus, sagt Ehrenberger. „Ministerpräsident Koch“ wird bei ihm zu einer Buchstabenkombination aus r-pr und ko, was aussieht wie eine Haifischflosse. Der Name „Schäfer-Gümbel“ erscheint dem Laien wie ein durchgestrichenes J. Tatsächlich sind es die verbundenen Buchstaben sch-üel.

Schnelles Schreiben allein reicht aber nicht aus. Bewerber auf einen Stenografenposten im Landtag brauchen ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Die Fachrichtung ist egal, doch ein Studium ist Voraussetzung für die Beamtenlaufbahn. So sind es Juristen, Übersetzer und Mathematiker, die in Wiesbaden hauptberuflich stenografieren. Da sich kaum noch jemand findet, der die notwendigen 300 Silben pro Minute schreiben kann, bildet Ehrenberger Neulinge selbst aus. Heike Thaumüller war eine von ihnen, als sie vor zehn Jahren als Stenografin anfing. Die Juristin saß zunächst neben ihrem Lehrer im Plenarsaal und beobachtete seine Arbeit. „Am Anfang habe ich mich auf der Stenografenbank gefühlt wie auf einem Präsentierteller.“

Lieblingsredner haben die Parlamentsstenografen alle. Es sind meist Redner, die klar und in kurzen Sätzen fast druckreif sprechen. Welche Abgeordneten das seien, bliebe aber „Berufsgeheimnis“. Einig sind sich die Stenografen jedoch in einem: „Herr Koch redet rhetorisch für Zuhörer brillant. Seine berüchtigten Schachtelsätze sind aber für uns Stenografen sehr schwierig zu dokumentieren.“

Quelle: op-online.de

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