Bestattungskultur

Richtig billig oder nur taktlos?

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Ein Ärgernis: 700 Plastikrohre bieten auf einem anonymen Gräberfeld in Horrweiler (Rheinland-Pfalz) Platz für 2100 Urnen. Die Bestattungsart zum Discountpreis löste heftige Debatten aus.

Offenbach - Die Bestattungkultur ändert sich rasant: In Bremen können Trauernde die Urnen bald im Wohnzimmerregal aufbewahren. In Rheinhessen sorgt ein Gräberfeld aus Plastikrohren für Streit.

Im Umgang mit dem Tod tut sich was: Ein Bild des Verstorbenen im Grabstein, dazu Herzen, Teddybären oder Briefe - Gräber werden persönlicher gestaltet als früher. Der gesellschaftliche Trend gehe zur Individualisierung, sagen Theologen. Dabei gibt es aber auch Veränderungen, die für jede Menge Zündstoff sorgen:

Beispiel 1: Bremen plant ein neues Bestattungsrecht, das vor allem bei Kirchen auf Widerstand stößt. Angehörige sollen die Urnen Verstorbener künftig mindestens zeitweise auch zu Hause aufbewahren können. Mit der Gesetzesänderung wird das aus dem Jahr 1934 stammende deutsche Feuerbestattungsgesetz zumindest teilweise ausgehebelt. Danach muss eine Urne mit der Asche des Toten zwingend sofort auf Friedhöfen oder besonders ausgewiesenen Arealen wie Friedwäldern beigesetzt werden. In Deutschland ist das Bestattungsrecht Sache der Länder. Pastor Bernd Kuschnerus von der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK): „Es entspricht unserem christlichen Verständnis, die Totenwürde zu achten und die Hinterbliebenen zu trösten, indem wir sie bei Abschied und Trauer begleiten.“ Eine Urne im Wohnzimmer - auch nur für zwei Jahre - kommt für ihn nicht infrage. „Das hat für mich nichts mit Würde zu tun.“

Beispiel 2: Im beschaulichen Horrweiler in Rheinhessen ist ein Friedhofsstreit entbrannt. Es geht um günstige Bestattungen, um Fragen der Pietät, um Taktlosigkeit und umfunktionierte Kanalrohre. Auch wenn inzwischen dichter Rollrasen über dem Urnenfeld auf dem Friedhof des 700-Einwohner-Dorfes wächst, hat sich der Ärger über die Grabfläche noch nicht gelegt. Denn senkrecht in der Erde wurden 700 knallorangefarbene PVC-Rohre installiert. Dicht an dicht sollen sie eine letzte Ruhestätte in Kunststoff-Ausführung werden. Im Wettbewerb um das billigste Grab war Krematoriumsbetreiber Karl-Heinz Könsgen auf eine Idee gekommen: In die Rohre könnten ja Urnen rein, drei übereinandergestapelt. Macht 2100 Gräber auf engstem Raum, zu haben für je 200 Euro. Die Fläche für das anonyme Gräberfeld hat Könsgen von der Horrweiler Ortsverwaltung gepachtet. Andernorts können anonyme Bestattungen nach Auskunft des Vergleichsportals bestattungen.de auch mehr als 1000 Euro kosten.

Pfarrer Steffen Held aus Langen: „Leider spielt der Faktor Geld eine immer größere Rolle.“

Die Urnen für Horrweiler in Rheinland-Pfalz dürften großteils aus Braubach-Dachsenhausen nahe Koblenz kommen. Dort betreibt Könsgen das Rhein-Taunus-Krematorium. Hier und in sechs über Deutschland verteilten „Partnerkrematorien“ übernimmt Könsgens Deutsche Friedhofsgesellschaft mbH in großem Stil die Einäscherung Verstorbener. Die Beisetzung ist auf vierzehn Friedhöfen zwischen Essen und dem Bayerischen Wald möglich.

Die Urne im Rohr? „Das ist eine pietätlose Discount-Bestattung“, kritisiert Edgar Daudistel, Mitglied des Gemeinderats Horrweiler. 30 000 Euro habe die Gemeinde bekommen, damit die Fläche in den kommenden 20 Jahren für die Urnenbestattung genutzt werden darf. Die stellvertretende Bürgermeisterin von Horrweiler, Christine Jacobi-Becker (SPD), hält auch nach wochenlanger Kontroverse konsequent dagegen. „Ob eine Bestattung von Urnen zum Beispiel in Betonwänden oder Kolumbarien (Nischen in Mauern) pietätvoller ist, bleibt dahingestellt. Pietätlos ist es, wie es die Kritiker tun, von Bestattungen in Kanalrohren zu sprechen, weil hier gewisse gewünschte Assoziationen hervorgerufen werden sollen.“ Die 30.000 Euro hätten geholfen, einen „seit Jahren aufgelaufenen Sanierungsstau“ endlich aufzulösen. Der Sprecher beim Verband der Friedhofsverwalter, Michael Albrecht, glaubt nicht, dass diese Rechnung aufgeht: „Die Gemeinde wird vielleicht kurzfristig etwas Geld verdienen, aber sie handelt sich damit auch einen Ruf als Billigheimer ein.“ Er sieht am liebsten Gräber mit Namen. Trauer brauche einen Bezugspunkt, sagt er.

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„Wunsch nach angemessenem Abschied“

Für Steffen Held, Pfarrer der Evangelischen Petrusgemeinde Langen, steht fest, dass es bei der Bestattungskultur um kulturelle und soziale Fragen geht, denen sich unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren stellen muss. „Heute haben wir viele Wahlfreiheiten und auch Möglichkeiten. Das ist zunächst ja auch gut so. Menschen können sich überlegen, ob sie eine Erd- oder Urnenbestattung wünschen, klassische oder moderne Musik bei der Trauerfeier, ein traditionelles Grab, eine naturnahe Bestattung“, sagt er. Wahlfreiheit könne Menschen jedoch auch ganz schön fordern und bisweilen auch überfordern. Dabei macht der Langener Pfarrer keinen Hehl daraus, dass er kein Anhänger von sogenannten Urnenwänden ist: „Ich denke, eine Beerdigung hat etwas mit Erde zu tun - Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Eine Urne zum Beispiel in einer Regalwand abzustellen, finde ich überdenkenswert.“ Sein Appell: „Wir sollten das Thema Tod und Sterben wieder mehr in den Blick nehmen und diskutieren. Es stellt sich die Frage: Wie nehmen wir angemessen Abschied von Menschen, von denen wir sagen: ,Du bist ein geliebtes Kind Gottes, du bist einzigartig’? Leider spielt der Faktor Geld dabei eine immer größere Rolle.“

psh/dpa

Quelle: op-online.de

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