Serviceorientierte Kontrolleure beim RMV

Höfliche Jagd nach Schwarzfahrern

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Kundenbetreuerin Cristina Wagner setzt bei ihrem Kontrollgang durch die Odenwaldbahn auf demonstrative Freundlichkeit.  

Frankfurt - Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) will die Kundenorientierung der Kontrolleure stärken. Seit September bildet er erstmals zehn serviceorientierte Prüfer aus und ist damit nach eigenen Angaben der erste Verkehrsverbund in Deutschland. Von Ira Schaible

Als die Odenwaldbahn um 11.25 Uhr von Gleis 12 im Frankfurter Hauptbahnhof abfährt, beginnt Willy Rasewskys Arbeit. „Guten Tag. Die Fahrkarten, bitte!“, ruft der Mann in dem blauen Anzug des privaten Bahnunternehmens VIAS und prüft ein Ticket nach dem anderen. Freundlich beantwortet der 66-Jährige Fragen über die Stopps bis nach Erbach im Odenwald, fragt Fernreisende, ob sie eine gute Fahrt hatten, und hilft einem Studenten, einen Platz für sein Rad zu finden. Dafür muss ein Fahrgast seinen Klappsitz verlassen. „Dürfte ich Sie bitten, sich umzusetzen?“, fragt ihn Rasewsky. Der Mann nickt, packt seine Taschen zusammen und setzt sich auf die Bank gegenüber. Zehn junge Männer und Frauen haben mit einem viermonatigen Pionier-Lehrgang begonnen, wie RMV-Sprecher Sven Hirschler sagt. „Wenn diese Pioniere erfolgreich sind, dann können wir uns sicherlich eine Ausweitung des Programms vorstellen.“ Bislang kommen die Kontrolleure ausschließlich von Unternehmen wie VIAS, der Deutschen Bahn oder der Verkehrsgesellschaft Frankfurt.

„Wenn man freundlich auf die Leute zugeht, hat man meist Erfolg“, sagt Rasewsky, dem der Job bei VIAS so viel Spaß macht, dass er auch als Rentner noch auf 400-Euro-Basis weiter arbeitet. „95 Prozent der Fahrgäste sind sehr freundlich.“ Manche seien allerdings auch beleidigend. In den rund vier Jahren, die er als Kontrolleur arbeitet, sei nur einmal ein Schwarzfahrer handgreiflich geworden: Er habe ihn am Bahnhof Höchst im Zug gegen eine Treppe gestoßen und sei dann aus der Bahn gerannt. Körperliche Angriffe, aber auch notorisches Schwarzfahren und Nicht-Bezahlen können Grund für ein Hausverbot in den Zügen sein, erklärt VIAS-Geschäftsbereichsleiter Christian Scholz. „Fast jeder Kontrolleur ist schon einmal tätlich angegriffen worden, Beleidigungen und Provokationen sind an der Tagesordnung“, sagt der Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn Hessen, Wilfried Staub. „Was Kontrolleure tagtäglich erleben, ist schon hanebüchen.“ Allerdings gebe es auch einige schwarze Schafe. „Das ist ein Stressjob.“ Staub plädiert daher für verdeckte „Oberkontrolleure“. „Damit die Kontrolleure wissen, dass sie auch kontrolliert werden können.“

3,5 Prozent der Passagiere fahren schwarz

Rasewsky hat es am späten Vormittag auf der Fahrt von Frankfurt über Darmstadt ins südhessische Mühltal und zurück mit keiner brenzligen Situation zu tun. Zwar zücken nicht alle Fahrgäste begeistert ihre Fahrkarten, aber keiner reagiert richtig unfreundlich - und schwarz fährt auch niemand. „Von einer Haltestelle zur anderen könnte man das mal probieren, aber auf so einer langen Strecke nicht“, sagt ein 14-Jähriger aus Michelstadt, der mit zwei Kumpels zum Shoppen nach Frankfurt fährt. Der RMV schätzt, dass in dem Verbundgebiet etwa 3,5 Prozent der Passagiere schwarz fahren. Das entspreche einem Schaden von 24,5 Millionen Euro. Sogenannte Graufahrer noch nicht eingerechnet. Dazu zählen Fahrgäste, die über die Tarifgrenze fahren oder mit einem längst abgelaufenen Semesterticket unterwegs sind.

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„Den typischen Schwarzfahrer gibt es nicht. Man hat manchmal ein Gefühl, aber oft trügt der Schein“, sagt Rasewsky. Auch am Alter lasse sich das nicht festmachen. „Manche sehen aus wie ein Professor oder ein Banker, auch ältere Damen haben mal keine Karte.“ Am Verhalten lasse es sich schon erahnen, dass jemand ohne Fahrkarte fährt, ergänzt eine Kollegin von Rasewsky. Wenn jemand ständig durch den Zug und zurück laufe oder sich sehr lange in der Toilette einschließe, beispielsweise. Manche machen auch gleich kehrt, wenn sie die Kontrolleure sehen: „In Offenbach oder Hanau ist schon mal einer weggegangen, der eigentlich einsteigen wollte, als er mich an der Tür sah.“

(dpa)

Quelle: op-online.de

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