Ausbaupläne für Nahverkehr gefährdet

Verpasst der RMV den Anschluss?

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Große Pläne: In den nächsten fünf bis zehn Jahren will der RMV viele Engpässe in seinem Netz beseitigen und an anderen Stellen in die Vollen gehen. Doch die Projekte geraten ins Wanken. (Der Fahrplan in der Großansicht)

Offenbach - Erweiterung des Systems E-Ticket, barrierefreie Bahnhöfe, mehr Strecken, bessere Qualität: Das verspricht der RMV mit seinem neuen Nahverkehrsplan, der die Vorhaben für die nächsten Jahre skizziert. Doch die Fragezeichen hinter den Zielen werden größer. Von Peter Schulte-Holtey

Verkehrsminister Tarek Al-Wazir und RMV-Chef Knut Ringat legten gestern bei der Vorstellung der neuesten Nahverkehrspläne den Finger genau in die „Finanzierungs-Wunde“. Für einen attraktiven Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) brauche Hessen schlicht mehr Geld, so der Minister. Der Bund sei schuld an der strukturellen Unterfinanzierung des ÖPNV. Das müsse endlich ein Ende haben. Sonst sei es nicht möglich, das Angebot von Bussen und Bahnen in Hessen zu erhalten und weiter auszubauen. Al-Wazir fordert von der Bundesregierung jährlich eine Milliarde Euro zusätzlich zu den jetzigen 7,5 Milliarden Euro für den ÖPNV bundesweit. Ansonsten drohe der ländliche Raum vom Nahverkehr abgekoppelt zu werden.

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Verzögerungen im Betriebsablauf

Hintergrund der Entwicklung: Die Verantwortung für den regionalen Schienenpersonennahverkehr ging 1996 vom Bund auf die Länder über. Sie erhalten dafür vom Bund die sogenannten Regionalisierungsmittel. Das Gesetz, das die Finanzierung regelt, läuft Ende 2014 aus. Das Bundesfinanzministerium plant derzeit, diese Mittel für den Betrieb von Regionalzügen und S-Bahnen auf dem alten Stand einzufrieren. Auch RMV-Geschäftsführer Ringat weist seit Monaten auf die weiterhin viel zu geringen Bundesmittel hin. Die Hälfte bis zwei Drittel der deutschen Zugverkehre führten durch Hessen oder nähmen hier ihren Anfang beziehungsweise fänden hier ihr Ziel. Aber nur 1,5 Prozent der Investitionsmittel des Bundes für den Schienenverkehr flössen in hessische Vorhaben. Ringat klagte im Gespräch mit unserer Zeitung über zu geringe Summen im Berliner Koalitionsvertrag für den Erhalt der Schienenwege.

Die Warnungen vor Rückschritten im Öffentlichen Nahverkehr in Rhein-Main werden lauter: (von rechts) RMV-Geschäftsführer Knut Ringat, Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir, der RMV-Aufsichtsratschef, Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann und Vize-Aufsichtsratschef Ulrich Krebs, der Landrat des Hochtaunuskreises.

Besorgte Stellungnahmen kommen auch aus der Grünen-Fraktion im Landtag. Das Ziel bei der Neugestaltung der Fördermittel müsse es sein, dass der Bund die Steigerung der Kosten im ÖPNV übernimmt. Seit 2002 seien die Trassenkosten pro Kilometer um 18,8 Prozent gestiegen, die Mittel des Bundes allerdings nur um rund acht Prozent. Die verkehrspolitische Sprecherin der hessischen Grünen, Karin Müller, sagte, es könne nicht sein, dass Millionen in Infrastrukturprojekte wie die geplante nordmainische S-Bahn investiert werden und dann wegen zu geringer Regionalisierungsmittel Verkehrstakte wieder ausgedünnt werden müssen. In Wiesbaden will man jetzt Zeichen setzen. Al-Wazir: „Wir werden die Investitionsmittel nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz gleichmäßig auf ÖPNV und kommunalen Straßenbau aufteilen.“ Die chronische Unterfinanzierung ändert erst einmal nichts an den Vorhaben des RMV in den nächsten Jahren:

Wichtige Bauprojekte

Der viergleisige Ausbau der S 6 bis Bad Vilbel und Friedberg, die nordmainische S-Bahn oder der Ausbau des Schienenknotens Frankfurt, aber auch die Elektrifizierung der Taunusbahn bieten laut RMV „hohe Entwicklungspotenziale“. Zudem sind die S-Bahn-Anbindung von Gateway Gardens sowie die Regionaltangente West für die Verkehrsplaner von herausragender Bedeutung.

Als unverzichtbar sieht RMV-Chef Ringat einen eigenen S-Bahn-Anschluss für das geplante dritte Terminal am Frankfurter Flughafen an. Das gelte schon für die erste Ausbaustufe. Der Regionalbahnhof am Flughafen könne keine zusätzlichen Fahrgäste mehr bewältigen. Auch die überregionalen Schienenprojekte wie die Neubaustrecke Rhein-Main--Neckar und der Ausbau des Korridors Frankfurt - Hanau - Fulda sind demnach enorm wichtig für das Gesamtnetz im Verkehrsverbund.

Projekt Schnellbusse

Sie sollen möglichst bald das Schienennetz auf den Tangenten rund um den Ballungsraum ergänzen und entlasten. „Nicht überall liegen Schienen“, so RMV-Chefplaner Thomas Busch. Ein Pilotprojekt mit schnellen Bussen gebe es bereits nördlich von Frankfurt von Karben über Bad Homburg nach König-stein. Auch schnelle Züge von der Region mit wenigen Haltepunkten ins Ballungszentrum sollen künftig möglichst stündlich als „Hessen-Express“ fahren.

Leichter in Bus und Bahn

Von den 384 Bahnhöfen im RMV-Gebiet sind 44 Prozent barrierefrei und 20 Prozent mit Hilfe barrierefrei. Bis 2019 werden voraussichtlich weitere 15 bis 20 Prozent der Bahnhöfe hinzukommen. Bahnsteige und Fahrzeugboden sollen dann die gleiche Höhe aufweisen. Angepeilt wird auch der Umbau von 12 000 Bushaltestellen.

„Dass ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen den ÖPNV immer mehr nutzen, freut uns. Doch wir können immer noch mehr machen, wie das vorgestellte Konzept für barrierefreie Bahnsteige zeigt“, sagte RMV-Aufsichtsratschef, Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann, bei der Vorstellung des Nahverkehrsplanes. Auch zielgerichtete Tarifangebote könnten helfen. Er verwies darauf hin, dass es dem RMV 2013 gelungen sei, über 5 300 neue Kunden mit der neuen „65plus-Karte“ zu gewinnen.

Neue Bezahlsysteme

Jeden Tag sind rund 2,5 Millionen Menschen im Rhein-Main-Gebiet mit Bussen und Bahnen unterwegs, und ihre Zahl steigt ständig. Noch zahlen sie Tarifzonen, egal wie viele Kilometer sie fahren. Zumeist wird das Ticket am Automaten bezahlt. Aber dieses System ist aus Sicht des RMV ein Auslaufmodell. Das Handy als Geldbörse ist im Kommen. Schon jetzt würden fünf Prozent des Einzelkarten-Umsatzes mit der RMV-App gemacht, so Ringat. Seine Vision: Der Kunde steigt nur noch ein, registriert sich mit dem Handy und bekommt die Rechnung für die gefahrene Strecke nach Hause geschickt. „Das haben wir in fünf Jahren. Ob wir Automaten dann noch brauchen, entscheidet der Kunde.“

Nachvollziehbare Preise

Die ersten drei Stufen der Tarifreform sind umgesetzt. Dabei wurden unter anderem die CleverCard attraktiver gemacht (kreisweite Nutzung) und Stadtpreisstufen eingeführt. In der letzten Phase geht es um ein völlig neues Fahrkartensystem. Das RMV-Versprechen: Es soll sich stärker an der zurückgelegten Entfernung orientieren. Tarifsprünge wie zwischen Offenbach und Frankfurt sollen ab 2017 beseitigt werden. Al-Wazir will jetzt auch die Möglichkeit prüfen, mittelfristig ein landesweites Schülerticket einzuführen. Der Minister und Oberbürgermeister Feldmann begrüßten die geplante Tarifreform. Der RMV brauche ein experimentierfreudiges Tarifsystem, um auf den Bevölkerungszuwachs im Ballungsraum und den Wegzug aus den ländlichen Regionen mit neuen Ticketformaten zu reagieren.

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Quelle: op-online.de

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