„Other Desert Cities“ am English Theatre

Amerikas Alpträume

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Polly Wyeth (Diane Fletcher, l.) ist entsetzt über das Buch, das ihre Tochter Brooke (Mary Doherty) veröffentlichen will.

Frankfurt - Der amerikanische Traum basiert auf einem Lügenkonstrukt - zumindest gilt dies für die Vorzeigefamilie Wyeth, wie nun in dem Stück „Other Desert Cities“ am English Theatre Frankfurt eindrucksvoll zu sehen ist. Von Christian Riethmüller 

Weihnachten 2004 steht vor der Tür und bei der Familie Wyeth in Palm Springs könnte alles wunderbar sein. Während in anderen Wüstenstädten - namentlich im Irak - unter amerikanischer Beteiligung Kriege geführt werden, fechten die Protagonisten in der kalifornischen Wüste allenfalls ein Tennismatch aus. Doch die Fassade im Refugium alternder Hollywood-Stars ist brüchig, wie in Jon Robin Baitz’ vorzüglichem Stück „Other Desert Cities“ aus dem Jahr 2011, das nun in einer Inszenierung vom Tom Littler in deutscher Erstaufführung in Frankfurt gezeigt wird, schon nach wenigen Wortwechseln deutlich ist.

Familiengeschichte seit Jahrzehnten vertuscht

Im mondänen Wohnzimmer (Bühnenbild: Bob Bailey) des früheren US-Botschafters und noch früheren Filmstars Lyman Wyeth (Ian Barritt) und seiner einst gleichfalls vor und hinter der Kamera tätigen Frau Polly (Diane Fletcher) hat sich eben keine perfekte Familie für einige entspannte Tage unter dem Weihnachtsbaum eingefunden. Sohn Trip (James McGregor), ein TV-Produzent, wäre lieber mit irgendwelchen Liebschaften an exotischen Stränden unterwegs, und Pollys Schwester Silda Grauman (Kate Harper) hat ein massives Alkoholproblem, weswegen sie auch von Lyman und Polly nach Palm Springs geholt worden ist. Allerdings nicht vorrangig, um ihr zu helfen, sondern um sie unter Kontrolle zu halten, schließlich will das Ehepaar Wyeth, das mit Ronald und Nancy Reagan befreundet ist und auch sonst gute Kontakte zur erzkonservativen Oberschicht in Kalifornien unterhält, nicht wieder mit einem Skandal für Aufsehen sorgen.

An einen solchen Skandal, der als dunkle Schmach in der Familiengeschichte seit bald drei Jahrzehnten unter den Teppich gekehrt worden ist, will nun aber Wyeth-Tochter Brooke (Mary Doherty) erinnern. Die ist Schriftstellerin, lebt in New York und ist erstmals seit sechs Jahren wieder zu Besuch bei den Eltern. Sie hat einen Nervenzusammenbruch und eine Trennung hinter sich, braucht Tabletten und ist zudem auf Konfrontation aus.

Mal tragisch, mal komödiantisch, mal satirisch

Ihr jüngstes, kurz vor der Veröffentlichung stehendes Buch ist nämlich gar kein Roman, sondern ein Erinnerungsbuch an ihre Kindheit als sie noch einen älteren Bruder namens Henry hatte. Der nahm Drogen, verkehrte in „linken“ Kreisen und beteiligte sich aus Protest gegen den Vietnamkrieg an einem Brandanschlag auf eine Rekrutierungsstelle der Armee, bei der ein Mensch ums Leben gekommen war. Auf seiner Flucht nach Kanada soll sich Henry dann das Leben genommen haben. Obwohl seine Leiche nie gefunden wurde, strichen Lyman und Polly die Erinnerung an Henry komplett aus ihrem Gedächtnis, um ihren gesellschaftlichen Status inmitten ihrer republikanischen Freunde nicht zu gefährden. Diesen Verrat am eigenen Kind thematisiert Brooke in ihrem Buch ebenso wie sie den Eltern den Vorwurf macht, Henry in den Tod getrieben zu haben. Der Streit über das Manuskript eskaliert und droht die Familie endgültig zu zerreißen.

Mal tragisch, mal komödiantisch, mal satirisch entwickelt Baitz eine Familientragödie, die durchaus an die großen Dramen von Tennessee Williams denken lässt. Die Wyeth stehen nicht nur für ein spätestens seit der Präsidentschaft von George W. Bush tief geteiltes Amerika, sondern auch für einen universellen Konflikt zwischen Alt und Jung, der nicht zuletzt Fragen zu Schuld und Verantwortung vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte reflektiert.

Glänzend geschrieben, ist das Stück gleichwohl nicht einfach auf die Bühne zu bringen. Längere Monologe einzelner Protagonisten zwingen die übrigen Darsteller immer wieder zum regungslosen Verharren auf dem Sofa oder zum Herumstehen im Raum. Diese statischen Szenen trotzdem zu einem fesselnden Ganzen zu fügen, ist das Verdienst von Litters unaufgeregter Inszenierung. Weitere Aufführungen bis zum 31. Mai.

Quelle: op-online.de

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