Rocken ohne Busen-Bonus

Erst verhaken sich ihre langen Armbänder in der Gangschaltung, dann bleibt Chanty Wunders Auto mitten auf der Landstraße liegen. Die dunkelhaarige Rockschönheit in der Lederjacke und ihre drei Fräulein- Wunder-Freundinnen öffnen – total überfordert und mit Blondchen-Miene – die Motorhaube.

Eine Stimme aus dem Off erklingt: „Die meisten Frauen haben für die technischen Probleme des Autos keine Antennen. Bei Pannen können sie aber durch Öffnen der Motorhaube anzeigen, dass sie technische Hilfe benötigen.“

Diese Persiflage auf die Verkehrssendung „Der 7. Sinn“ ist der Wahlwerbespot der hessischen Rock-Girlie-Band Fräulein Wunder. Die vier Mädels aus dem Kreis Friedberg – zwischen 17 und 19 Jahren – vertreten Hessen bei Stefan Raabs legendärer Gegenveranstaltung zum Grand Prix, dem Bundesvision Song Contest am 13. Februar in Potsdam. Dafür musste jede Band einen Wahlwerbespot drehen. Aber nicht der Humor des Beitrags hat den Musik-Experten Raab dazu bewegt, sich für Fräulein Wunder – in Anlehnung an den Begriff „Fräuleinwunder“, der in den 50er Jahren in den USA geprägt wurde und für junge, moderne, selbstbewusste und begehrenswerte deutsche Frauen stand – zu entscheiden. Er war vielmehr davon beeindruckt, dass Fräulein Wunder keine gecastete Tanzmaus-Truppe à la Pussycat Dolls ist, sondern eine ehemalige Schülerband, die ihre eigenen Texte schreibt und tatsächlich Instrumente spielen kann.

„Wir sind total aufgeregt und stolz, dass Raab sich mit dem Wort ‚zuversichtlich‘ über unsere musikalische Zukunft geäußert hat“, erzählt Sängerin Chanty (18) freudig. Sie sitzt mit Bassistin Steffy (19), Schlagzeugerin Pia (17) und Gitarristin Kerstin (18) in einem kleinen Hinterraum der Batschkapp, wo sie den ganzen Tag Interviews gegeben haben. Zurzeit touren sie als Vorgruppe der finnischen Band The Rasmus; in den Osterferien startet ihre erste eigene Tournee.

Sie sehen zarter und mädchenhafter aus als bei ihren 28 „Band-Tagebuch-Folgen“, die auf Viva im Herbst 2008 liefen und sie auch außerhalb der Landesgrenzen bekannt machten. Die vier versprühen in natura einen süßen Charme. Hessisch sprechen kann nur Steffy. „Mein Opa kommt aus der Nähe des Vogelsbergkreises und spricht so ein krasses Hessisch, dass ich ihn oft gar nicht verstehe“, erzählt dagegen Kerstin lachend.

„Unter die ersten drei zu kommen ist unser Ziel“, erklärt Steffy. Die Konkurrenz ist hart, müssen sie doch gegen Chart-Größen wie Peter Fox von Seeed antreten. Mit „Sternradio“ aus ihrem Debütalbum „Fräulein Wunder“ treten die Gymnasiastinnen – gerade sind sie beurlaubt und pauken im Tourbus – in Potsdam an. Und sie hoffen, nicht wegen „ihrer Brüste“ (so eine Textzeile aus ihrer ersten Single: „Wenn ich ein Junge wär“), sondern wegen ihrer Musik zu gewinnen.

Ein bisschen New Wave, ein bisschen Glam-Rock, ein bisschen Silbermond-Romanze ist nicht nur ihr Musikstil, sondern auch ihr Styling. Während es Chanty gern weiblich mag: extrem schwarze Mascara, Röckchen und Netzstrümpfe, steht Kerstin mit ihren blonden kurzen Haaren weniger auf den Mädchen-Look und zieht Vans den High Heels vor. Der Rest der Band liegt im Styling irgendwo dazwischen. „Wir wissen immer noch nicht, was wir beim Bundesvision Song Contest tragen“, erzählen sie. „Es darf sich halt nicht beißen“, ergänzt Kerstin, die es sich auf der Fensterbank bequem gemacht hat. Einkaufen könne man besser in Berlin als in Frankfurt, sagen sie. Beim Weggehen im Rhein-Main-Gebiet trifft man sie im MTW oder im O25 an.

Weniger gern haben die vier Rockgören Hausbesuche. In der Mülltonne vor dem Haus verstecken sich die Fans zwar noch nicht: „Aber einmal machte ich, als es an der Tür klingelte, im Handtuch auf, weil ich gerade aus der Dusche kam, und da standen Fans. Das war ganz schön peinlich“, erzählt Kerstin.

Am Ende versprechen Fräulein Wunder: „Ruft für uns an – wenn die entscheidenden Stimmen nachweislich aus Offenbach und wir unter die ersten drei kommen, spielen wir hier gratis!“

KATHRIN ROSENDORFF

Quelle: op-online.de

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