Rocken in der Unterhose

Kontaktscheu sollte man nicht unbedingt sein, wenn man auf das Rock-Event – das Darmstädter Schlossgrabenfest – geht. Da wird's nämlich kuschlig eng.

Hessens größtes Gratis-Festival lockt fast eine halbe Million Menschen nach Darmstadt, so zählten es die Veranstalter innerhalb ihres abgesperrten Areals 2008. Der Schlossgraben verwandelt sich – wie es zu einem richtigen Open-Air dazu gehört – zum wahren Ringkampf vor der Bühne, wenn die Headliner die Bässe wummern lassen. „Wie etwa die Hooters letztes Jahr, die waren unsere erste internationale Größe, mein persönliches Highlight“, erzählt Thiemo Gutfried.

Ihm und Frank Friedrich Grossmann verdanken es die Darmstädter „Heiner“ sowie zehntausende Auswärtige, dass sie das Vier-Tage-Konzert der Superlative erleben dürfen – beide organisieren das Festival hauptberuflich. „Täglich bis zu 16 Stunden Arbeit sind in der heißen Phase normal“, sagt Gutfried. Mehr als 90 Live-Acts müssen neben Sponsoren, Gastronomie, Security verpflichtet werden.

Trotz eines Künstler-Budgets, das „Rock am Ring“-Veranstalter Marek Lieberberg wohl für ein einziges Zugpferd ausgibt, haben Gutfried und Grossmann auch in diesem Jahr wieder einige namhafte Künstler verpflichtet. Heute Abend ab 21.40 Uhr stehen die Donots auf der Entega-Bühne, der größten der vier Stages. Morgen Abend wird Stefan Raabs Zögling Max Mutzke mit seinem aktuellen Hit „Marie“ die Mädchen anschmachten. Die Trashmonkeys spielen ab 23.30 Uhr feinen Indie-Rock. Am Sonntagabend folgt mit Extrabreit dann ein Potpourri ihrer größten Erfolge wie „Hurra, hurra, die Schule brennt!“ und „Flieger, grüß mir die Sonne“ – worauf sich Musik-Freak Thiemo Gutfried besonders freut: „Legende, Stimmung und Partyspaß pur.“

Für Drummer Floré Boulanger von der internationalen Schlager-Combo „Van Baker & Band“ ist das Fest derweil „auch für noch unbekannte Künstler die beste Plattform Hessens“. Das bestätigt auch Frontmann Jerome van Baker: „Nach dem Auftritt dort hat's bei uns Anfragen gehagelt.“ Vielleicht, weil der Sänger am Ende des umjubelten Gigs nur noch in Boxershorts auf der Bühne stand. Bleibt der negative Beigeschmack der im vergangenen Jahr eingeführten Getränke-Kontrolle. „Ich bin ein freier Mensch, ich lass mir nicht vorschreiben, was ich wo trinken darf“, sagt der Darmstädter Tobias Petzold.

Den Schluck aus der eigenen, mitgebrachten Pulle muss der Festival-Hopper nun vor dem abgesperrten Gelände des Residenzschlosses einnehmen. Innerhalb des Areals kann nur noch an den Ständen konsumiert werden, denn ein Scherbenteppich soll vermieden werden. Und weil sich das Musikevent neben den Sponsoren vor allem durch die Mieten der 140 Stände finanziert. Petzold äußert sich unbeeindruckt: „Ich werde nicht hingehen.“ Mit seinem Boykott wird er wohl ziemlich allein bleiben. JENS DÖRR

http://www.schlossgrabenfest.de

Quelle: op-online.de

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