Rolle rückwärts im Handel?

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Lange Öffnungszeiten lösen auch in Hessen Diskussionen aus - hier ein Bild aus dem Einkaufszentrum „MyZeil“.

Ein Plus für Verbraucher oder doch nur Konsumterror? Zeitgemäßer Service oder Geschäftemacherei zur Unzeit? Der heftige Streit um das nordrhein-westfälische Ladenöffnungsgesetz lässt die Wogen der Erregung hoch gehen. Von Peter Schulte-Holtey und Frank Mahn

Von „Konterrevolution“ ist schon die Rede, denn mit dem „Shoppen bis Mitternacht“ könnte in NRW bald Schluss sein. Führende Politiker der rot-grünen Landesregierung wollen das 2006 liberalisierte Gesetz über die Ladenöffnungszeiten zurückdrehen. Nicht mehr die Nachfrage der Kunden soll bestimmen, wann Supermärkte Feierabend machen, sondern die Politik.

Droht ein „Flächenbrand“? Rewe-Vorstandschef Alain Caparros schimpft: Sollte die Politik die seit 2006 geltende Liberalisierung des Ladenschlusses mit Öffnungszeiten bis Mitternacht zurücknehmen, „sind Tausende Arbeitsplätze gefährdet“. „Wenn in Nordrhein-Westfalen die Öffnungszeiten wieder stärker reglementiert werden, könnte das Signalwirkung für ganz Deutschland haben“, warnt Caparros. Es gebe einen großen Bedarf bei den Kunden für das Einkaufen am späten Abend, sagt er. So erzielten die Rewe-Märkte und die zum Konzern zählenden Penny-Discounter in NRW zwischen 20 und 22 Uhr mehr als ein Zehntel des Wochenumsatzes.

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Die Unruhe im Handel ist bundesweit zu spüren. Sieben Bundesländer reglementieren die Öffnungszeiten weiterhin, Bayern und das Saarland am restriktivsten. Neun Länder regeln nur noch die Ladenöffnung an Sonn- und Feiertagen. An den sechs Werktagen können die Händler dort selbst entscheiden, wann es sich rentiert, von der uneingeschränkten Freiheit Gebrauch zu machen. Auch in Hessen gibt es größte Freiheiten. Von Montag bis Samstag hat der Einzelhandel die Möglichkeit, den Laden dann zu öffnen, wenn ein Interesse seitens der Kunden vorhanden ist, wenn es sich für ihn rechnet. Die Öffnung am Sonntag ist auf vier sogenannte Eventtage im Jahr begrenzt. „Das ist ein guter Kompromiss zwischen den Anliegen der Kunden und Einzelhändler einerseits und den Interessen der Arbeitnehmer, der Kirchen u.a. andererseits“, meint Frank Achenbach von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach.

IHK: Trend zu einheitlichen Öffnungszeiten

Den immer wieder vorgebrachten pauschalen Vorwurf, „die längeren Ladenöffnungszeiten lohnen sich doch gar nicht“, weist er zurück. „Der Lebensmitteleinzelhandel hat an bestimmten Standorten sehr gute Erfahrungen mit Öffnungszeiten bis 22 und teilweise bis 24 Uhr gemacht.“ Bei Autofahrern beliebte Standorte, wie z.B. das Ringcenter in Offenbach, sind nach seiner Einschätzung auch in den Abendstunden gut frequentiert. Anders sehe es beim Kauf von Kleidung oder Schuhen aus. Für Standorte mit diesem Sortimentsschwerpunkt, wie die Offenbacher Innenstadt, gilt demnach, dass die Abendstunden nicht so stark genutzt werden. Achenbach: „Eine aktuelle Frequenzzählung der Uni Frankfurt hat ergeben, dass die Offenbacher Innenstadt in der Zeit von 12 bis 18 Uhr relativ gleichbleibend gut frequentiert ist. Nach 18 Uhr gehen die Besucherzahlen aber deutlich zurück. Daran haben auch die längeren Öffnungszeiten - z.B. des KOMM - nichts geändert.“ Bei der IHK-Offenbach geht man auch davon aus, dass die Öffnungszeiten im Lebensmitteleinzelhandel noch weiter ausgeweitet werden. „In den Innenstädten wird es eher einen Trend zu etwas vereinheitlichten Öffnungszeiten geben, einzelne schließen dann später, andere dann eventuell etwas früher“, sagt Achenbach voraus.

Auch in Langen wird seit Jahren diskutiert. Allerdings geht es nicht um eine Ausweitung der Zeiten, vielmehr wünscht sich der Gewerbeverein eine Vereinheitlichung. „Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Läden durchgehend von 9 bis 18.30 Uhr geöffnet wären und die Kunden sich darauf verlassen könnten“, sagt der Vorsitzende des Gewerbevereins Langen, Ulrich Krippner. Doch viele Geschäftsleute halten beispielsweise daran fest, ihre Tür Mittwochnachmittag abzuschließen. Die Läden im Zentrum, in denen nach 18.30 Uhr eingekauft werden kann, sind an den Fingern einer Hand abzuzählen. Spätestens um 19 Uhr ist Schluss. Daran wird sich nach Lage der Dinge auch nichts ändern. Ein Kaufhaus, das auf 20 Uhr umgestellt hatte, kehrte nach einer Testphase zum 19-Uhr-Termin zurück. Die Entwicklung in Langen spiegelt wohl das wider, was in vielen Kommunen in der Region derzeit zu beobachten ist.

Gewerkschaften gegen lange Öffnungszeiten

Landesweit wird unterdessen weiter um den Königsweg für Öffnungszeiten in größeren Städten und Einkaufszentren gerungen. Für Silvio Zeizinger vom Einzelhandelsverband haben sich die Regelungen in Hessen bewährt: „Oftmals sind sie ja der individuellen Nachfrage angepasst worden. Das hat sich inzwischen eingependelt. Der Kunde hat dies angenommen.“ Der Verbandssprecher verweist auf veränderte gesellschaftliche Strukturen. Das sei ein notwendiger Schritt für die Geschäfte, „auch im Hinblick auf das wachsende E-Commerce-Verhalten der Verbraucher“.

Gegenrede kommt von der Gewerkschaft Verdi. Sprecher Wolfgang Thurner hat nicht den Eindruck, dass die längeren Öffnungszeiten in Rhein-Main gut angenommen werden. „Es finden Umsatzverlagerungen in die Nachtzeit statt, aber es werden keine Zuwächse erzielt.“ Den Handel lasse das offensichtlich kalt: „Im vierten Quartal 2011 wurden die Spätöffnungsangebote leider sogar noch ausgebaut. Das Main-Taunus-Zentrum öffnete beispielsweise durchweg bis 22 Uhr. Neben Lebensmittelmärkten haben auch Verbrauchermärkte und Einkaufszentren länger geöffnet.“ Für Thurner ist diese Entwicklung in der Region nicht nachvollziehbar: „Insgesamt steigen doch die Betriebskosten für den Einzelhandel und die Belastungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch. Die Folge: Die Beschäftigten versuchen den Einzelhandel zu verlassen, da die Spätöffnungen nicht zu günstigeren Freizeitregelungen führen.“

Auch Sabine Schiedermair, Bundesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (KAB), warnt den Handel vor einer weiteren Ausweitung der Öffnungszeiten: „Seit Jahrzehnten stagnieren die Umsätze im Handel, doch die Zahl der Beschäftigten wuchs. Dies ist ein Beleg dafür, dass der Wettbewerb in diesem Bereich fast nur noch über die Absenkung von Sozialstandards und eine aggressive Expansionspolitik läuft.“ Leidtragende sind nach ihrer Meinung einerseits die vielen Frauen, die im Handel beschäftigt sind. „Durch die Ausweitung der Öffnungszeiten hat sich nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf extrem verschlechtert, auch die materielle Situation wird immer unerträglicher. Aber auch die Kleinst- und Mittelbetriebe bekommen es zu spüren, sie werden gegenüber dieser Unternehmensstrategie immer machtloser“, so Schiedermair.

Quelle: op-online.de

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