Kommentar: Der Rote Baron ist da!

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Michael Eschenauer

Ein Meer von Plakaten, ein kämpferischer Fraport-Chef Stefan Schulte, ein 335 Millionen Euro schweres Lärmschutzpaket. Bisher war es so, dass die öffentliche Meinung die Luftverkehrsmanager vor sich hertrieb, diese Woche aber werden wir Zeugen des Versuchs, das Steuer herumzureißen.

Auf dem Spiel steht die Lufthoheit über Rhein-Main - und das im doppelten Wortsinn. „Ja zu FRA“ - der Rote Baron und Max Immelmann sind da! Ausbau-Gegner verunglimpften gestern die „Ja-Sager“ als Jubelperser. Sie liegen daneben. Wer am Flughafen sein Geld verdient und jetzt seinen Interessen Gehör verschafft, ist das fleischgewordene Job-Argument. Mit der Behauptung, der Ausbau sichere Jobs und schaffe neue, wird in der Debatte ständig hantiert. Damit ist die Protest-Karawane der Fraport-Mitarbeiter legitim - auch wenn der Airport-Betreiber Busse chartert und RMV-Tickets bezahlt.

Ähnlich verhält es sich mit der Enthüllung, dass Fraport mit der Werbeagentur Burson-Marsteller kooperiert. Dies sei eine Firma, empört man sich, die schon gearbeitet habe für die argentinische Militär-Junta, Nicolae Ceausescu oder den Chemiekonzern Union Carbide, in dessen Katastrophen-Werk nach einem Unfall Tausende Menschen starben. Aber was soll das beweisen? Dass Fraport und Lufthansa auf der gleichen moralischen Stufe stehen wie der rumänische Diktator oder südamerikanische Folterregime?

Der eine setzt auf teure Anzeigen und Werbeagenturen, der andere schickt schlaflose Schulkinder vor und kann auf eine weithin ausbaukritische Medienlandschaft zählen. Demokratie funktioniert so. Da sollte man seine Gegner nicht schwachsinnig oder korrumpierbar nennen.

Die Ausbau-Kritiker haben derlei Nickeligkeiten gar nicht nötig. Es gibt weiterhin keine Obergrenzen für Lärm und Flugbewegungen. Immer noch glaubt man, Probleme mit Geld zuschütten zu können: Unbewohnbare Stadtteile werden aufgekauft, die Bewohner umgesiedelt. Oder man bezahlt den Leuten lärmgedämmte Käfige. Das Problem des Nachtflugverbots wird nicht angepackt, die meisten Maßnahmen helfen im unmittelbaren Nahbereich des Flughafens wenig.

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10.000 Kundgebungsteilnehmer. Die Luftverkehrswirtschaft und die Politik haben gestern einen imposanten Akzent in Form einer Protestaktion gesetzt und vorgestern beim Lärmschutz nachgebessert. Es ist legitim, auf die wirtschaftlichen Vorteile des Flughafens für die Region hinzuweisen. Und die Feststellung, dass das Rhein-Main-Gebiet nicht ausschließlich von Flughafen-Gegnern bevölkert wird, entbehrt auch nicht jeder Grundlage. Das Heft des Handelns liegt aber auch morgen immer noch in den Händen der Ausbau-Kritiker.

Sie sind weit gekommen. Den Luftfahrtbürokraten bei der Deutschen Flugsicherung und im Verkehrsministerium hat man Beine gemacht und Hirn eingeblasen. Bis vor kurzem glaubten die, sie könnten in einem Ballungsraum mal so eben 126 Flugzeuge statt vorher 80 pro Stunde starten oder landen lassen, waren aber nicht bereit, sich für das Lärmproblem Lösungen auszudenken, die diesen Namen verdienen. Stattdessen gab es - schöngefärbt zum „Maßnahmenpaket Aktiver Schallschutz“ - fantasielose Fertig-Backmischungen, weiße Salbe, Placebos. Mehr gehe aber nun wirklich nicht, haben sie beifallheischend geprahlt. Jetzt ist Näh- und Flickstunde. Die Umrüstung der A-320-Flotte der Lufthansa zum Beispiel bringt schon etwas. Das ist der Verdienst der Menschen, die jeden Montag im Terminal A ihre Plakate hochhalten.

Neues Lärmschutzpaket und „Ja zu FRA“ stehen nicht für eine Wende im Ringen um einen menschlicheren Flughafen. Es verhält sich genau andersherum: Der Gegenspieler zeigt Wirkung. Mehr Entlastung vom allgegenwärtig erscheinenden Fluglärm ist möglich. Der Druck darf nicht nachlassen!

Quelle: op-online.de

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