hr-Sinfoniker, Sängerin Lary und Songwriter Maxim machen gemeinsame Sache

Routinierter Grenzgang

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Zwischen Soul und Dancefloor bewegt sich die junge Berliner Sängerin Larissa Sirah Herden alias Lary.

Frankfurt - Ein Crossover der besonderen Art: Zum zehnten Mal lud das hr-Sinfonieorchester zum „Music Discovery Project“ in die Jahrhunderthalle. Von Peter H. Müller 

Mahlers Weltenschmerz, Maxims Melancholie und Larys sperrige „FutureDeutscheWelle“ – das inzwischen zehnte Music Discovery Project ist nicht gerade eine Therapie für Depressions-Patienten. Aber zum Glück werkeln mitten in all dem poetisch dräuenden Ungemach die großartigen hr-Sinfoniker. Soll man es noch „Experiment“ nennen? Gewiss nicht. E- oder U-Musik hin, Genre-Polizei her – der „Klassik trifft (Electro-)Pop“-Grenzgang des hr-Sinfonieorchesters ist längst zur Institution geworden. Auch, weil das alljährlich bejubelte Projekt erfolgreich gegen jedes Schubladendenken revoltiert. Wobei: 2016 darf man da durchaus eine kleine Einschränkung setzen – zumindest, was das musikalische Leitthema anbelangt. Waren im letzten Jahr noch Mendelssohn Bartholdy, Prokofjew und Beethoven vertreten, so kreiselt das Zwei-Stunden-Programm ausschließlich um einen schmerzlich angefassten Spätromantiker: Gustav Mahlers 1. Sinfonie ist die künstlerische Aufarbeitung einer unglücklichen Liebe des österreichischen Musiktheater-Reformers. Mahler und die Frauen – ohnehin kein erquickendes Kapitel. Die bitteren Erfahrungen mit Sängerin Johanna Richter aber die er während seiner Zeit als Kasseler Kapellmeister (1883-85) kennengelernt hatte, scheinen tiefe Narben hinterlassen zu haben.

Seine aus den „Liedern eines fahrenden Gesellen“ entwachsene, dreisätzige 1. Sinfonie, die er bis zur letzten von ihm geleiteten Aufführung 1909 in New York immer wieder überarbeitet hatte, ist denn auch ein hoch dramatisches Epos geworden – Trauermarsch und Gefühlssturm, wenn nicht Anklage gegen Schicksal und Schöpfer, zu gleichen Teilen. Lässt man den Sturm und Gott weg, ist man gar nicht mehr weit entfernt von Songwriter Maxim, der in seinen Frühzeiten noch Reggae variiert, sich spätestens mit dem Album „Staub“ aber eher Unlustigerem widmet.

Melancholie, Trennungsschmerz, verdunkelte Selbstironie, still beredte Wut – in Liedern wie „Meine Worte“, „Einen Winter noch“ oder „Haus aus Schrott“ gießt er diese triste Farbpalette in ziemlich bleierne Songgemälde, die ein wenig nach Minztee, Nieselregen und Verlorenheit bei Kerzenschein schmecken. Psychogramm einer desillusionierten Ü-30-Generation? Vielleicht. Auf jeden Fall ist die Spaßgesellschaft hier weit weg – und Glückshormone sind irgendwie ausverkauft.

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Da freut doch immerhin gleich der Anblick von Larissa Sirah Herden alias „Lary“, die den Boulevard seltsamerweise vor allem als Teilzeit-Freundin von Boris-Becker-Stammhalter Noah beschäftigt hat. Inzwischen in Berlin zu Hause, hat die glamouröse 29-Jährige mit ihrem Debütalbum „FutureDeutscheWelle“ gleich mal ein Statement gesetzt. Vor allem deshalb, weil die eigenwillige Mixtur – R&B, eine Prise Dancefloor, ein gute Portion Electro, dann wieder Soul – in kein Raster zu passen scheint. „System“ etwa tönt von einem ganz anderen Planeten als „Problem“ oder „Kryptonit“, in denen sie quasi aus dem rumorenden Bauch der Girlie-/Selfie-Fraktion berichtet. Was Mahler dazu gesagt hätte? Womöglich wär’s ihm ein wenig zu selbstbewusst optimistisch gewesen.

Quelle: op-online.de

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