66. Internationale Automobilausstellung in Frankfurt

Rundgang über die IAA: Zwischen Tradition und Aufbruch

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Audi schießt mit seiner spektakulären Inszenierung den Vogel ab: Über den Neuheiten im eigens errichteten Agora-Zelt drehen sich Fahrzeuge auf animierten Oberflächen.

Frankfurt - Die Autoindustrie feiert sich selbst: Mit spektakulären Inszenierungen, einer erklecklichen Zahl von Neuheiten und einem offenen Visier in Richtung Zukunft eröffnet heute die 66. Internationale Automobilausstellung in Frankfurt. Von Carsten Müller

Nachdem sich die Rauchschwaden des Neuheitenfeuerwerks am ersten Pressetag verzogen hatten, goss Peter Sloterdijk ein wenig Wasser in den an diesem Tag reichlich fließenden Champagner. Mobilität, so der renommierte Philosoph auf dem IAA Abend des Motor Presse Clubs im Marriott Hotel, sei einer der ganz großen Fetische unserer Zeit, der mit einer unglaublich hohen Opferzahl erkauft wird. Der Trend zur automobilen Hochrüstung sei ungebrochen, Und es seien dringend Abrüstungsgespräche mit den Automobilherstellern zu empfehlen.

Letzteres war nicht ganz ernst gemeint, doch die 66. IAA-Ausgabe ist der schlagende Beweis dafür, dass das sogenannte „Cocooning“, der Rückzug des modernen Menschen in rollende Trutzburgen, anhält. Viele der Neuheiten, die präsentiert werden gehören zur Kategorie der SUV, wenngleich sie zu Trägern spritsparender Technik verbrämt werden und als Plug-in-Hybride oder Elektrofahrzeuge erscheinen.

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Selbst Borgward, die wiederbelebte Marke, geht bei der Rückkehr in den Club der Automobilhhersteller auf Nummer sicher. Kein rassiger Sportwagen steht auf dem Stand in Halle 5.0, keine extravagante Limousine. Der Neueinsteiger aus Stuttgart präsentiert den BX 7, ein SUV, das zunächst in China produziert werden soll. Die Crossover-Modelle sind ein Garant für steigende Zulassungszahlen. Wider alle Vernunft. Sloterdijk: „Die Tendenz geht zum Privatpanzer, zum Mannschaftstransporter für Kleinfamilien.“

Erstes SUV im Zeichen der Raubkatze: Der F-Pace von Jaguar

Aber auch wer zivile und zudem erschwingliche Fahrzeuge sucht, muss sich auf der IAA nicht lange umsehen. Fündig wird er beispielsweise in Halle 8.0 am Stand von Opel, der mit seinen schwarz spiegelnden Bodenfliesen zum optischen Irrgarten mit Stolpergefahr geworden ist. Ausrutschen werden die Rüsselsheimer mit dem neuen Astra und seiner geräumigen Kombivariante Sports Tourer mit Sicherheit nicht. Denn der athletisch geformte Kompakte wartet mit gängigen Assistenzsystemen auf, zudem mit einem Komfortsitz, der wärmt, kühlt und massiert. Matrix-LED-Scheinwerfer und die Rundumvernetzung mit OnStar-Internetzugang sind ebenfalls im Angebot. Und für gute Laune nebst sportlicher Betätigung bei den Besuchern des Opel-Stand sorgt ein Trampolin, auf dem man ein 360-Grad-Action-Selfie schießen kann.

Unweit des Astra sonnt sich neben dem neuen Mittelklässler Talisman der Renault Mégane in fast schon verwirrenden Spotlights. Auch er trägt eine dynamische Linie und technische Schmankerl wie eine dynamische Allradlenkung und LED-Licht zur Schau, lässt aber vor allem mit seinem Innenraumdesign aufhorchen. Ein berührungsempfindlicher 8,3-Zoll-Display wurde zur Schaltzentrale erkoren.

Bildschirme wachsen allerorten

Allerorten wachsen die Bildschirme, weil immer mehr Anwendungen Einzug ins Cockpit halten. Bei Jaguars neuem SUV F-Pace beispielsweise wurde eine 10,2-Zoll-Anzeige im Tabletformat in die ohnehin schon wuchtige Mittelkonsole integriert, dazu ein frei konfigurierbares 13,2-Zoll-Display hinter das Lenkrad.

Nach Herzenslust daddeln kann man in vielen Ausstellungsstücken, besondere Erlebnisse versprechen aber Stationen mit Virtual-Reality-Brillen, etwa bei Ford oder Hyundai, wo die VR-Brille mit einem Simulatorsitz zur anspruchsvollen Ganzkörpererfahrung in der Rallyeversion des neuen i20 wird. Bei BMW nimmt man in drehbaren Muscheln Platz und beginnt seine 360-Grad-Probefahrt mit den Elektroautos i3 und i8 in einer schicken Designerwohnung. In natura sind die Elektromobile der Münchner auf dem Außengelände zu sehen, wo eine Elektrotankstelle errichtet wurde.

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Überhaupt die Inszenierungen: Die spektakulärsten bieten traditionsgemäß die deutschen Premium-Hersteller. Dabei schießt Audi mit seiner Installation auf dem zentralen Messeplatz Agora den Vogel ab. Die Ingolstädter schicken ihre Besucher zunächst in eine Eiskammer, anschließend durch einen feuerrot illuminierten Starttunnel, der mit einer betäubenden Licht-Sound-Installation auf motorsportliches Engagement verweist. hinein in eine Halle, die so geschickt verspiegelt ist, dass sie mindestens um das Doppelte größer wirkt. Willkommen auf dem Planeten Audi!

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Hoch über den Köpfen rollen Modelle wie Spielzeuge auf animierten Flächen, darunter geben sich Premieren wie der neue, innen noch edler auftretende A4 und sein sportlicher Ableger S4 (350 PS) ein Stelldichein. Als seriennahe Studie ist das e-tron quattro concept, wieder ein SUV, zu sehen, das 2018 mit drei Elektromotoren und maximal 370 kW Leistung sowie einer Reichweite von rund 500 Kilometern debütiert.

230 Kilometer Kabel und 4500 Leuchten

Mercedes hat wie gewohnt die Festhalle mit Beschlag belegt. Dort geht es per Rolltreppe unter die Kuppel der automobilen Kathedrale, in der 850 Tonnen Stahl verbaut, über 230 Kilometer Kabel verlegt und rund 4500 Leuchten installiert wurden. Über drei Ebenen führt der Weg bergab, vorbei an der SUV-Palette (!) mit dem neuen GLC Coupé, an Hybridfahrzeugen und dem Mobilitätsdienstleister „Car2go“ zu den Neuheiten S-Klasse-Cabriolet und C-Klasse Coupé. Themen wie autonomes Fahren sind eher am Rande vertreten.

Das mit großem Aplomb präsentierte „Concept IAA“ zeigt auf, wohin nach Meinung der Mercedes-Vordenker die Reise in Zukunft gehen wird. Das Showcar verändert seine Karosserie und damit seine Aerodynamik ab 80 km/h, ähnlich der Transformers-Actionfiguren, und erhöht damit seine Effizienz. Zukunftsmusik. In dem Konzeptfahrzeug werden aber auch Vernetzung und Assistenzsysteme ausgereizt, denn Mercedes-Chef Dieter Zetsche, der die Chancen der Digitalisierung in der Autoindustrie schneller wachsen sieht als mancher Kollege, will das Tempo in Richtung Zukunft selbst bestimmen.

Aufs Gas drückt BMW in der Halle 11. Dort ziehen nicht nur die neusten IAA-Premieren der Marken BMW und Mini auf der mehrer hundert Meter langen Indoor-Acht ihre Bahnen. Neben der neuen 7er Reihe und der zweiten Generation des kompakten Geländegängers X1 stehen auch die e-drive-Ableger des 2er Active Tourer, der 3er Reihe und des X5 Spalier, die als Plug-in-Hybride ab Frühjahr 2016 elektrische mit fossiler Reichweite verbinden.

Flimmern, Fummeln und Fiepen: Neue Bedienkonzepte auf IAA

Unter der „New Mobility World“ in Halle 3,1, wo Telematikanbieter, Navi-Dienstleister, Car-Sharer und andere Start-ups ihre Geschäftsideen rund um vernetzte Mobilität präsentieren, logiert der Volkswagen-Konzern, dessen SUV-Neuheiten Bentley Bentayga und Tiguan zwei denkbar unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Die Premiere der Studie Seat Leon Sport Cross lässt weitere Crossover aus dem Konzernbaukasten erwarten. Porsches sportliche Antwort auf Anforderungen der elektrischen Mobilität heißt „Mission E“, leistet über 600 PS und verfügt über eine Batterie, die in 15 Minuten zu 80 Prozent gefüllt werden kann. Bei voller Ladung soll die Studie 500 Kilometer weit kommen. Ganz real sind dagegen Toyotas Neuheiten in Halle 8.0, wo neben dem neuen Hybrid-Prius der Mirai als erstes Serienfahrzeug mit Brennstoffzelle gezeigt wird.

Zeit sollte man beim Besuch der IAA mitbringen - und gutes Schuhwerk. Denn die Zukunft der Mobilität will auf Schusters Rappen erkundet sein. Ganz im Sinne Peter Sloterdijks, der zur Fortbewegung im Jahr 2100 sagt: Es könnte nicht schaden, sich dereinst auf den evolutionären Zweck der Beine zu besinnen - bevor sie völlig entbehrlich geworden sind.

IAA 2015: Impressionen der neuesten PS-Boliden

Quelle: op-online.de

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