„Böhser Onkel“ schweigt vor Gericht

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Eine Entschuldigung, die der bei dem Unfall am Silvesternacht 2009 lebensgefährlich verletzte Fahrer Jamal verzweifelt fordert, bleibt aus.

Frankfurt - Kevin Russell sagt am ersten Prozesstag vor dem Frankfurter Landgericht kein Wort zu den schweren Vorwürfen der Staatsanwaltschaft...

Auch, als ihm der bei dem Unfall schwer verletzte Beifahrer Fadi unter Tränen wütend zuruft: „Der hat mein Leben zerstört“, bleibt der blasse Mann auf der Anklagebank stumm. Eine Entschuldigung, die der bei dem Unfall am Silvesternacht 2009 lebensgefährlich verletzte Fahrer Jamal verzweifelt fordert, bleibt aus. Nur auf die Frage nach seinem Beruf antwortet der Sänger der früheren Rockgruppe Böhse Onkelz mit heiserer Stimme: „Ich war Sänger, Musiker.“

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Der Frontmann der vor fünf Jahren aufgelösten umstrittenen Rockband ist wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung sowie Unfallflucht angeklagt. Ihm drohen mehrere Jahre Haft, wie Staatsanwältin Nadja Niessen sagte. Russell habe nach einer Verurteilung wegen der Einfuhr von Rauschgift im vergangenen Jahr noch eine Bewährungsstrafe. Wegen Unfallflucht und Trunkenheit am Steuer sei er zudem 2004 zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

„Ich dachte, ein 80 Jahre alter Mann steht vor mir“

Weitgehend regungslos, aber konzentriert verfolgt Russell die bedrückenden Schilderungen der beiden Unfallopfer über ihren Gesundheitszustand. Bei den anschließenden Zeugenvernehmungen von vier Polizeibeamten schüttelt er ab und zu den Kopf, tuschelt mit seinem Anwalt, zieht die Augenbrauen hoch, liest in verschiedenen Schriftstücken und murmelt mit heiserer Stimme einige Worte. Am Ende des ersten Verhandlungstags wirkt der Mann in dem schwarz-weiß gestreiften Hemd und der Kurzhaarfrisur sehr erschöpft.

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Schon als Russell am Morgen den Gerichtssaal betritt, können viele der etwa 70 Zuschauer nicht glauben, dass er erst 46 Jahre alt ist. „Ich dachte, ein 80 Jahre alter Mann steht vor mir“, sagt eine Verkäuferin aus dem Raum Marburg. Die 24-Jährige, auf deren schwarzer Kleidung „Böhse Onkelz“ steht, hofft auf einen fairen Prozess und auf eine Therapie für Russell. „Er sieht total fertig aus, ich wusste nicht, ob ich heulen sollte“, sagt ihr 24 Jahre alter Begleiter.

Alpträume von Unfall und Brennendem Autowrack

Warum der Hotelfachmann extra aus der Nähe von Trier zum Prozessauftakt gekommen ist? „Die Onkelz waren eine Zeit lang für uns da, jetzt wollen wir zeigen, dass wir für sie da sind.“ „Die Sympathie liegt bei den Opfern“, sagt dagegen ein Jura-Student und Onkelz-Fan aus dem Raum Frankfurt nach den bewegenden Schilderungen der beiden, Männer.

Als die 20 und 22 Jahre alten Opfer berichten, wie schwerwiegend der Unfall - an den sie sich nicht erinnern können - vor fast zehn Monaten ihr Leben verändert hat, ist es bedrückend still im Gerichtssaal. Nur Fadis Mutter im Zuschauerraum bricht immer wieder schluchzend in Tränen aus. Ihr 22 Jahre alter Sohn, dem unter anderem drei Finger der linken Hand amputiert wurden, ruft verzweifelt: „Ich kann nicht mehr Auto fahren, nicht mal mehr alleine duschen, ein Steak essen oder eine Hose anziehen.“ Und ohne Schlaftablette habe er nachts Alpträume - von dem Unfall und dem Feuer in dem brennenden Autowrack.

dpa

Quelle: op-online.de

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