Schostakowitsch beim Museumskonzert

Russische Passionen

Frankfurt J.  Ringsum war Krieg. Von Klaus Ackermann

Mit Schostakowitschs Leningrader Sinfonie, die Belagerung der Geburtsstadt des Komponisten durch Hitlers deutsche Wehrmacht eindringlich dokumentierend, leistete das Frankfurter Opern- und Museumsorchester samt Chefdirigent Sebastian Weigle eine Trauerarbeit, die niemanden unberührt ließ. Zudem gaben 27 Studierende der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst einen gelungenen Einstand beim Museumskonzert, die sich zuvor bei einem Probespiel vor den Orchester-Mitgliedern qualifiziert hatten.

Die zwei Halbzeiten hätten verschiedener nicht sein können. Denn zuvor hat Meistergeiger Michael Barenboim – ja, es ist der Sohn des berühmten Dirigenten Daniel Barenboim, die klangliche Poesie des Violinkonzerts von Alexander Glasunow intensiv erkundet. Der russische Zeitgenosse eines Richard Strauss schrieb Tschaikowsky fort. Eine wahre melodische Flut ergießt sich da, die der in Paris geborene Geiger sondiert und in betörender, aber immer bekömmlicher Süße fortspinnt. Ein junger Mann, der, eng verwoben mit dem kultiviert aufspielenden Orchester, nicht nur in der Kadenz eine schon beträchtliche Reife zeigt, sondern auch in der zugegebenen Kreisler-Caprice virtuos aufdreht.

Schade, dass man Glasunows Violinkonzert so selten hört. Es ist Nostalgie pur – und Labsal in unruhigen Zeiten. Die hat Schostakowitsch in einem nahezu realistischen sinfonischen Szenario verhandelt. Der Krieg rückt im Stechschritt an, das Leid der belagerten russischen Bevölkerung wird in ergreifendem Seelenton artikuliert. Meisterlich zeichnet der wie immer umsichtig und motivierend dirigierende Weigle die Invasoren in der vielfach variierten Operettenanleihe „Heut gehn wir ins Maxim“, die, getragen von lockerem Trommelwirbel, zur grellen Fratze mutiert.

Als schöne Erinnerung bittet die Bassklarinette zum Tanz, Heimat wird in tröstlichen Flötentönen beschworen. Ehe ein Siegeszug im strahlenden Blech und festlichen Dur anhebt, mit wuchtigem Schlagwerk beim finalen Effekt, der förmlich umhaut. 75 Minuten sind im Nu vergangen. Dank einer weiteren Großtat von Weigle und dem modernistischer Härte nicht abholden Orchester.

Quelle: op-online.de

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