Sabine Thurau setzt auf Rede statt Streit

+
Ihr Umfeld half mit: Sabine Thurau absolvierte eine Polizeiausbildung, studierte Jura und gründete eine Familie. Jetzt ist sie Vizepräsidentin bei der Frankfurter Polizei.

Frankfurt - Ob im Umgang mit Flughafengegnern, Fußballfans oder Kollegen - die Frau mit dem höchsten Amt im hessischen Polizeidienst legt großen Wert auf das Gespräch. Von Ira Schaible (dpa)

„Wir haben eine ganz andere Einsatzphilosophie als früher, und da ist Kommunikation das entscheidende Stichwort“, sagt die Frankfurter Polizei-Vizepräsidentin Sabine Thurau. „Der Großteil der Differenzen kann durch eine gute Gesprächsführung bereinigt werden.“

Das ist der 53-Jährigen auch in der eigenen Behörde wichtig: Mit dem Ziel, „die Kommunikation zu verbessern“, habe sie vor gut drei Jahren das Amt der stellvertretenden Polizeipräsidentin angetreten. Damals galt es auch, wieder Ruhe in die Polizeibehörde zu bringen, die wegen der Folterandrohungen von Polizei-Vize, Wolfgang Daschner, gegen den Kindsmörder Magnus Gäfgen in die Schlagzeilen geraten war.

Polizei-Vizepräsidentinnen finden sich in Deutschland selten, zumal in so großen Behörden wie der Frankfurter mit ihren rund 3700 Beschäftigten. Thurau hat den Beruf der Polizistin von der Pike auf gelernt, ein Juravollstudium absolviert und verschiedene Positionen bei Justiz, Polizei, Landeskriminalamt und Innenministerium durchlaufen. Ihre Lieblingsaufgaben sind Wirtschaftskriminalität und Personalarbeit. In ihrer wenigen Freizeit hört Thurau gerne italienische Opern und liest - keine Kriminalromane, sondern zeitgenössische Literatur.

Frankfurt kennt die dreifache Mutter seit Kindertagen: „Das ist eine unglaublich offene und moderne Stadt, und das ist eine internationale Stadt, die sich auch diesen Anforderungen stellt.“ Trotzdem hat die Kriminalbeamtin schon oft erlebt, „dass Frankfurt - völlig unberechtigt - erstmal abschreckt. Die Leute stellen sich oft vor, dass mehrere Morde auf offener Straße jeden Tag passieren.“ Dabei seien die Tötungsdelikte fast immer Milieu- oder Beziehungstaten - „und die gibt es auch auf dem Land“.

„Ich wollte immer einen abwechslungsreichen und interessanten Beruf haben“, erzählt die Tochter eines Kriminalbeamten. „Das ist natürlich vorgeprägt gewesen, durch den Vater, der ja lange Jahre auch im Bundeskriminalamt war, seinen Beruf immer geliebt hat und interessante Geschichten zu erzählen wusste.“ Allerdings: „Ich konnte mich einige Zeit nicht entscheiden zwischen Kriminalpolizei und Medizinstudium“. Die Polizei war letztlich schneller mit der Zusage als die ZVS mit dem Studienplatz, und die 18-Jährige entschied sich spontan für die Polizei. „Das habe ich nie bereut“, sagt Thurau. Auf die Polizeischule in Wiesbaden folgten Stellen bei der Kripo in Rüsselsheim und Offenbach.

Unterstützt wurde Thurau bei ihrer Berufswahl auch von ihrer Mutter. „Sie hat immer gearbeitet, im Bundesrechnungshof in Frankfurt, und hat mich so erzogen, dass sie gesagt hat: ‘Du musst Dich selber finanzieren können‘.“ Nach der Geburt ihres Sohnes - der inzwischen 29 Jahre alt ist - begann Thurau in der Erziehungspause mit einem Jurastudium an der Goethe-Universität. Das setzte sie - obwohl alleinerziehend - neben einer Halbtagsstelle im Schichtdienst des Kriminaldauerdienstes fort. „Ich habe mehr nachts gearbeitet, und dadurch konnte ich tagsüber noch studieren und das Kind betreuen.“ Bei der Kinderbetreuung wurde Thurau von ihrer Mutter unterstützt, die gerade in Rente gegangen war.

Im Studium lernte Thurau ihren späteren Mann kennen, mit dem sie zwei Töchter im Alter von 19 und 9 Jahren hat. Bei passender Gelegenheit zog die Familie in einen Wiesbadener Vorort. „Mein Mann ist Anwalt und in der Nähe und kann sich auch um die Jüngste kümmern.“ Beim anstehenden Schulwechsel hofft Thurau auf eine Ganztagsschule. „Anders als zu der Zeit, als mein Sohn klein war, arbeiten die meisten Mütter jetzt. Die Betreuungsangebote sind allerdings immer noch nicht zufriedenstellend.“

Mit dem Beginn des Referendariats musste sie ihren Polizeiberuf kündigen. „Ich bin dann nach dem zweiten Staatsexamen eine Weile in der Justiz geblieben.“ In dieser Zeit arbeitete Thurau unter anderem in einem Gefängnis. Eine Zeitungsanzeige “Jurist mit Polizeierfahrung gesucht“ animierte sie spontan, zur Polizei zurück zu kehren. „Das Studium war eine sehr gute Entscheidung“, schwärmt Thurau. „Die wissenschaftliche Arbeit erlaubt doch den ein oder anderen anspruchsvollen Zugang zu Problemlösungen.“

Ganz besonders genießt Thurau aber das Zusammenspiel von Praktikern und Theoretikern. „Es nützt Ihnen die wissenschaftlich gute Arbeit alleine nichts, wenn Sie am Ende im Schlamm stehen und nicht wissen, wie sie mit ihrem Gegenüber umzugehen haben. Auch in der Führung nicht.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare