Die Sache mit der Gallenblase

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Der Dalai Lama

Frankfurt - Heute gleich mal eine gute Nachricht: In Zeiten, in denen wir uns vor dem aggressiven Islam fürchten, bleibt der Buddhismus, wiewohl gesegnet mit einer zunehmenden Anhängerschaft, friedfertig und zurückhaltend. Von Michael Eschenauer +++ Fotostrecke +++

Tatsächlich ist er derart zurückhaltend, dass er öffentlich das Gegenteil von dem betreibt, was man gemeinhin Missionierung nennt. Wie das geht, war gestern morgen bei der ersten „Unterweisung“ des Dalai Lama in der Commerzbank Arena zu besichtigen. Zum Auftakt seines bis zum Sonntag dauernden und von öffentlichen Lehrstunden, Ansprachen und Diskussionen charakterisierten Besuchs sagte „Seine Heiligkeit“, Oberhaupt der Tibeter, Folgendes: „Der christliche Glaube hat die westliche Kultur und das Menschenbild hier sehr stark geprägt. Man sollte die Prinzipien dieser Religion möglichst beibehalten. Es ist immer besser, die vertrauten, in der jeweiligen Kultur seit vielen Jahrhunderten verwurzelten Glaubensformen vor Ort zu bewahren.“ Und weiter: Die Hinwendung eines westlich orientierten Menschen zu einer Religion wie dem Buddhismus sei zwar möglich, aber doch eher eine Ausnahme.

Tausende Anhänger des Dalai Lama waren gestern in die Commerzbank Arena gekommen, um an einer „Unterweisung“ des Glaubensführers teilzunehmen. 

Natürlich schiebt Seine Heiligkeit vor rund 5000 Anhängern nach, die Hinwendung zu Buddha zähle zu den Rechten eines jeden Individuums, sich seinen Glauben selbst auszusuchen. Aber: „Der Respekt vor anderen Religionen muss beibehalten werden. Nicht einmal Buddha selbst darf einen bestimmten Glauben erzwingen.“ Im Grunde, so der Dalai Lama weiter, verfolge jede der großen Weltreligionen das Ziel, die Anhänger zu befähigen, ihr Potential voll auszunutzen und einen möglichst friedvollen sowie ausgeglichenen Geist zu entwickeln.
Es sind einfache Wahrheiten, die der hohe Besuch aus dem indischen Exil in der Großarena vor wehenden Vorhängen und unter auf- und abschwellendem Fluglärm in ebenso einfache Sätze packt. Die erste „Lecture“ verspricht zwar schwere Kost: ein Text des indischen Gelehrten Acharya Kamalashila aus dem 9. Jahrhundert über das Wesen der Meditation soll interpretiert werden. Doch das hält den Dalai Lama, der von seinen Anhängern als Mensch angesehen wird, welcher sich entschlossen hat, durch Reinkarnation wieder in das Leben einzutreten, um anderen Wesen dienen zu können, obwohl er als Erleuchteter den Kreislauf der Wiedergeburt hätte verlassen können, nicht von fortschrittlichem Denken ab.

Es ist wichtig für uns, nicht in den Äußerlichkeiten des Buddhismus hängenzubleiben“, sagt der 74-Jährige und wiegt sich leicht hin und her. Viele Menschen würden „alte Instrumente des Buddhismus“ kritiklos übernehmen, vergäßen aber „die Essenz des Glaubens“, warnt das Idol von der riesigen Bühne und über zwei Großbildleinwände. Der Tibeter mit der altmodischen Brille ruft jeden Anhänger und sogar sein eigenes Volk dazu auf, nicht in alten Traditionen und unreflektierten Ritualen zu verharren, sondern eine gute Ausbildung anzustreben. „Erst das Wissen schafft einen festen Glauben“, sagte der auf einem mehrere Meter hohen, reich mit Ornamenten geschmückten Podest im Lotussitz sitzende 14. Dalai Lama. Erst das tiefe Verständnis, die Anwendung, und der Austausch des Glaubens zwischen den Religionen könne die Menschheit weiterbringen. „Wir Buddhisten leben im 21. Jahrhundert. Also müssen wir uns und unseren Glauben in dieser Zeit positionieren.“

In mehreren sogenannten "Unterweisungen" hält das geistliche Oberhaupt der Tibeter an vier Tagen Lesungen zur "Kunst des Lebens.

Ob die Warnung vor hohlen Ritualen und der Ruf nach Inhalten bis zur dem rund 80 Mini-Pagoden umfassenden Devotionalienzirkus vor den Toren der Commerzbank-Arena vordringt? Hier kann sich der geneigte Buddhist mit allem versorgen, was den Gang durch die verschiedenen Wesenheiten hin zum Nirwana unbeschwerlicher macht. Preisgünstige Gebetsketten, wahlweise aus Lotussamen (12 Euro) oder Lapislazuli (22 Euro), tibetische Gebetsfahnen zu je 5 Euro, ein Satz Räucherstäbchen Marke „Potala Incense“, bestickte Meditationskissen, oder darf‘s ein „Armband des Mitgefühls“ oder ein „Schutzamulett für Reisende“ sein? Letzteres könnte sich als besonders effektiv erweisen, enthält es doch laut Gebrauchsanweisung „ein besonderes Samenkorn, das vom Staatlichen Orakel gesegnet wurde“. Trotz Kommerz gibt es Grenzen für Begehrlichkeiten: „Pleace dont‘t touch the Face of the Buddha“ warnt ein Schild vor zahlreichen Statuen des im 5. Jahrhundert vor Christi geborenen Erleuchteten namens Siddhartha Gautama. Bis zu 400 Euro auf den Tisch des Hauses - und die Meditation klappt. Ähnliches verspricht eine aufwändige Meditationsstickerei mit dem Abbild der Gottheit Avalokiteshvara.

Bilder vom Besuch des Dalai Lama

Dalai Lama zu Besuch in Frankfurt

Tand gehört zu jedem Spektakel, sei es nun ein Formel-1-Rennen, ein Popkonzert oder eine buddhistische Unterweisung. Rückschlüsse auf die Ernsthaftigkeit des Publikums erlaubt er nicht. Kevin lebt in einer Gruppe von Mönchen in Italien , stammt aber aus dem englischen Norwich. Der schmale junge Mann mit dem ruhigen Lächeln und den Ledersandalen ist seit vier Jahren Mönch und ungefähr zehn Jahre Anhänger seiner Heiligkeit. „Ich habe im Buddhismus viele Antworten für mein Leben gefunden“, sagt er. Es sei „phantastisch, wie es einem Menschen möglich ist, durch die Weiterentwicklung von Bewusstsein und Gefühl positive Wirkungen hervorzubringen, die jedem, der mit ihm zu tun hat, direkt nutzen“. Der Dalai Lama sei ihm ein Symbol für „totalen Frieden, Toleranz, Humanität und Achtsamkeit“.

In mehreren sogenannten "Unterweisungen" hält das geistliche Oberhaupt der Tibeter Lesungen zur "Kunst des Lebens.

Suzanne Liebermann aus Bielefeld , angereist mit modischer Sonnenbrille und buntem T-Shirt, ist das genaue Gegenteil zu Kevin - zumindest äußerlich. Sie bewundert „die unheimliche Präsenz des Dalai Lama“. Der Buddhismus „ist einfach eine Philosophie, die glaubhaft vorgelebt wird und mir zusagt.“ Ihre Freundin Dorothea Heumann aus Göttingen ist schon länger an Bord und meditiert täglich bis zu einer Stunde. Durch den Buddhismus hat sie sogar wieder einen Zugang zum Katholizismus ihres Elternhauses gefunden. „Aber der Dalai Lama ist für mich trotzdem authentischer als der Papst.“ Sie hat sich ein Dauerticket für die vier Tage gekauft. So etwas kostet zwischen 125 und 230 Euro.
Mister Peme, seinen Nachnamen will er nicht in der Zeitung lesen, ist ein zierlicher, gut gekleideter Herr mit Seidenhemd und graumeliertem Bürstenschnitt. Er stammt aus Tibet , lebt aber seit 1979 in der Schweiz. Zunächst, so der 52-Jährige, sei der Dalai Lama selbstverständlich sein politischer Führer und Lehrer. Aber da gebe es noch etwas viel wichtigeres: „Was mir durch den Alltag hilft, ist die Ruhe, das Bemühen unserer Religion, jedem anderen Wesen zu helfen. Und wenn das nicht möglich sein sollte, ihm wenigstens nicht weh zu tun oder zu schaden.“ Ingrid Gerson aus Frankfurt nennt den Dalai Lama „seit über 30 Jahren mein großes Vorbild“. Seine 100-prozentig friedliche Haltung besonders im Tibet-Konflikt sei alternativlos. „Das Ganze ist ja nichts neues. Diese Sachen funktionieren seit 2500 Jahren und bringen die Menschen weiter.“

Buddhisten verfolgen die Ansprache des Dalai Lamas.

Die Auftritte Seiner Heiligkeit, dies zeigt auch der Termin in der Commerzbank Arena, folgen einem klaren und erfolgreichen Prinzip: Sie laufen im Grunde immer gleich ab, wirken aber, als geschähen sie im Augenblick ihrer Darbietung tatsächlich zum ersten Mal und würden sich nie mehr in dieser Form wiederholen. Der Dalai Lama beherrscht sie perfekt, die Kunst, ein Ereignis aufzuführen, das eine Spontaneität atmet, die ohne aufwendiges Proben niemals möglich wäre.
Seine Geschichte mit der Gallenblase ist nur ein Beispiel hierfür. Er sei zwar älter geworden, im Grund aber der Gleiche geblieben, wie beim letzten Besuch, witzelt der „Ozean des Wissens“. Allerdings sei das nur oberflächlich gesehen. „Im Innern aber fehlt mir ein Teil.“ Es handele sich um erwähnte Gallenblase, die ihm entfernt worden sei. „Zwar ist mein Gehirn das gleiche, aber die, die mich kennen, sollen bitte aufpassen, ob bei mir sonst noch alles funktioniert.“ Das ist locker, die Gemeinde lacht, Glauben macht wieder Spaß.

Quelle: op-online.de

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