Kafka-Doppel am Staatstheater

Samuel Koch wieder auf der Bühne

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Bizarre Körperlichkeit: Darstellerduo Samuel Koch (rechts) und Robert Lang.

Darmstadt - Zweimal Kafka, zwei Männer, zwei Frauen, zwei Erzählungen, erarbeitet von zwei jungen Regieteams. Von Axel Zibulski

„In der Strafkolonie“ und, zuerst, „Ein Bericht für eine Akademie“ mit dem querschnittsgelähmten Samuel Koch, der seit vergangenem Jahr zum Ensemble des Staatstheaters Darmstadt gehört und dort bereits Kleists Prinz Friedrich von Homburg spielte. Tragisch bekannt geworden war Koch 2010 durch seinen Unfall bei „Wetten, dass?“.

Um die Menschwerdung eines Affen geht es in Kafkas „Bericht für eine Akademie“, mit dem Ich-Erzähler als nüchternem Referenten in eigener Sache, der darstellt, wie er von einer Expedition eingefangen wurde und sich allmählich von seiner Umgebung das Menschsein abschaut. In der szenischen Darstellung ist Samuel Koch mit viel schwarzem Klebeband auf den Körper seines Schauspielerkollegen Robert Lang geschnallt. Dieses Kostüm von Miriam Schliehe gibt in der Choreografie von Stephan Hintze den beiden Darstellern eine bizarre Körperlichkeit, samt ironisch eingeklebter Banane.

Der „Bericht“ bleibt dabei vor allem Erzählung, in deren Übersetzung auf die Bühne freilich nie so recht zu erkennen ist, wohin das Ganze eine halbe Stunde lang gehen soll: Die Akademie, ja, natürlich, das sind wir alle im (nicht ausverkauften) Parkett des Darmstädter Kleinen Hauses. Bald spricht Samuel Koch, bald Robert Lang, dann beide, eine schalldämpfende Gesichtsmütze wechselt hin und her, zwei Autoreifenstapel stehen auf der Bühne: Doch nicht etwa als autobiographische Anspielung auf Samuel Kochs Unfall? Natürlich bewundert man die große physische Leistung der beiden Darsteller. Ins Finale schallen, warum auch immer, ein paar Takte aus Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“. Kafkas Verwandlungserzählung mag man da allerdings längst aus dem Blick verloren haben.

Samuel Koch stellt Biografie vor

Samuel Koch stellt Biografie "Zwei Leben" vor

Das ist in der zweiten, profunderen Hälfte des kompakten Kafka-Abends anders. Völlig unabhängig vom ersten Teil hat die junge Regisseurin Vanessa Wilcke mit ihrer Ausstatterin Veronika Sophia Bischoff die zu Beginn des Ersten Weltkriegs entstandene Erzählung „In der Strafkolonie“ in Szene gesetzt. Wir sehen auf leerer, aber gestufter Bühne nur zwei Schauspielerinnen. Und erfahren doch alles von der perfekten wie perfiden Gesetzlichkeit, mit der auf der Strafinsel eines ungenannten Landes ein Apparat jedem Verurteilten sein Vergehen solange unter die Haut ritzt, bis er langsam an dieser Prozedur stirbt. Im Dialog zwischen dem exekutierenden Offizier, den Gabriele Drechsel mit machohaft in die Hüften gestemmten Händen gibt, und Judith van der Werffs kühl-neutralem Forschungsreisenden wird diese Erzählung zum einschneidend dichten Dialog-Theater. Dazu hätte es nicht einmal des grellen Suchscheinwerfers gebraucht, mit dem die Darstellerinnen immer wieder bedeutungsvoll hantieren.

Umso aufschlussreicher ist es, zu beobachten, wie Gabriele Drechsels Offizier sich allmählich leerläuft, bis er selbst von dem „Apparat“ versehrt und verzehrt wird. Wie am Ende, wieder, Kafkas unsichtbare Foltermaschine aus dem Bühnen-Off kreischt. Der starke Beifall für dieses In-Szene-Setzen der „Strafkolonie“ wird einzig vom Jubel für Samuel Koch und Robert Lang getoppt. Weitere Vorstellungen am 7., 21. und 25. April sowie am 9., 10., 16., 24. und 31. Mai.

Quelle: op-online.de

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