Sara Jakubiak im Frankfurter „Stiffelio“

Ein fataler Seitensprung

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Die Sopranistin hat ihren großen Arien-Auftritt.

Frankfurt J.  Sie ist ein Spielball männlicher Interessen. US-Sopranistin Sara Jakubiak singt in der mörderischen Scheidungsoper „Stiffelio“ die untreue Pfarrersgattin Lina. Von Klaus Ackermann 

Inszeniert hat das frühe Werk von Giuseppe Verdi der Australier Benedict Andrews, dirigieren wird die Frankfurter Erstaufführung der Franzose Jérémie Rhorer. Premiere ist am Sonntag um 18 Uhr im Opernhaus am Willy-Brandt-Platz. „Sie ist eine starke Frau, diese Lina, extrem unterdrückt vom Gatten, dem evangelischen Pfarrer Stiffelio, und ihrem auf Familienehre bedachten Vater, der ihren Liebhaber ermorden wird, der sie verführt und ausgenutzt hat“, sagt Sara Jakubiak, gleichermaßen die Opernstory kurz anreißend. Zudem sei Lina innerlich hin- und hergerissen zwischen der Liebe zum Ehemann und der Scham wegen ihres Fehltritts. Dabei stets von einer Sekten-Gesellschaft kontrolliert, die strenge moralische Vorstellungen hat.

In Andrews‘ Inszenierung sind es die Mennoniten, eine evangelische Freikirche, die vor allem in Amerika verbreitet ist, weiß Jakubiak, die dieses Verdi-Werk gleichsam als Testlauf für die großen Operndramen wie „Rigoletto“ oder der „Troubadour“ sieht, die folgen sollten. Auch in Verdis „La Traviata“, der unselig liebenden Kurtisane, halte ja ein rigider Vater die Handlungsfäden in der Hand, so die Sopranistin, die als Lina ihren großen Arien-Auftritt hat, wenn sie am Grab ihrer Mutter um Vergebung betet.

Vor drei Jahren ist die im US-Bundesstaat Michigan beheimatete Sängerin nach Deutschland gekommen, in Sachen Oper ein gelobtes Land, weil zum Glück noch nicht von Schließungen und Entlassungen wie in den Vereinigten Staaten bedroht. Während ihres Musikstudiums an der berühmten Yale-Universität habe ihr Mentor Stanley Kolk oft von Frankfurt und seiner Oper geschwärmt, wo der Tenor nach seinem Debüt 1969 in Mozarts „Zauberflöte“ zwölf Jahre lang wirkte. Deshalb hat es Jakubiak besonders betroffen gemacht, als sie, kurz nachdem feststand, dass sie an die Frankfurter Oper verpflichtet wird, vom Tod des 85-jährigen Freunds erfuhr.

Seit der Spielzeit 2014/15 gehört die US-Sängerin mit Wurzeln mütterlicherseits in Nürnberg und vom Vater her in Polen zum Frankfurter Opernensemble, reüssierte mit ihrem vielfarbigen lyrischen Sopran (O-Ton Jakubiak: „Ich bin ein Chamäleon“) neben anderem in Verdis „Falstaff“ und in „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss. Ihre charaktervolle Marta in Weinbergs „Passagierin“ ist demnächst auch in Wien gefragt. Als Eva in Wagners „Meistersinger“ gastiert sie an der Bayerischen Staatsoper München, die Elsa („Lohengrin“) singt sie am Opernhaus Graz, der Anruf aus Bayreuth steht jedoch noch aus. Ein Gastengagement bringt sie als Marie in Alban Bergs „Wozzeck“ an die English National Opera London.

Doch trotz all dieser Reisen ist Frankfurt mittlerweile ihre „erste Heimat“, wie Jakubiak betont, die im Nordend ihr Domizil hat und als Opernsängerin nur eines hasst: die angelsächsische Tugend des klaglosen Wartens. Deshalb wird sie zur Premiere auch wieder in letzter Minute in die Maske eilen …

Quelle: op-online.de

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