„Mechanische Tierwelt“ im Senckenberg-Museum

Schätze aus dem Kinderzimmer

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Leuchtende Kinderau- gen: Der Zauber von Blechspielzeug ver- geht offensichtlich nicht so schnell. Der Strauß von 1924 ist eines der wertvollsten Stücke der Ausstellung.

Frankfurt - Ein Käfer trippelt auf dünnen schwarzen Beinchen über die Vitrine. Der Künstler Sebastian Köpcke hat das Tier gerade aus dem Schaukasten befreit. Es war nicht lebendig eingesperrt. Von Christina Lenz

Das Insekt gehört zu einer Sammlung von mehr als 200 aufziehbaren Blechtieren, die das Senckenberg Naturmuseum in der Wechselausstellung „Mechanische Tierwelt“ zeigt. Die Künstler Sebastian Köpcke und Volker Weinhold hatten 2006 das „Erweckungserlebnis“, das sie zu ihrer Tiersammlung inspiriert hat. Auf einem Trödelmarkt im französischen Metz entdeckten sie eine kleine gelbe Blechente. In Paris stöberten sie kurze Zeit später einen blauen Pinguin auf. Damit war die Leidenschaft angestoßen. Nach drei Jahren hatten die beiden Sammler eine Schar von rund 200 Blechgeschöpfen aus fast 30 Ländern beisammen.

Zu den Lieblingsstücken von Sebastian Köpcke zählt eine Ente, die komplexe Bewegungen ausführt: „Sie läuft vor, zurück und kann ihren Kopf zum Picken senken“. Kurios sei auch der Affe, der durch einen Pfeilschuss in den Bauch mit seinen grünen Augen leuchtet und seine Arme nach oben wirft. Der Blech-Strauß aus dem Jahr 1924 sei eine echte Rarität und eines der kostbarsten Stücke, sagt Köpcke. Er erinnert sich noch lebendig an die Blechspielzeuge aus seiner Kindheit in Berlin. „Die hatte damals fast jedes Kind“, sagt der 46-jährige Ausstellungsmacher. „Ich habe sie allerdings immer auseinander geschraubt.“

Was in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Massen produziert wurde und jedes Kind hatte, ist heute eine Kuriosität, die nur noch in den Händen von Sammlern und Spielzeugliebhabern überlebt: „Als das bunte Plastikspielzeug kam, ist das Blechspielzeug fast ganz verschwunden“, sagt der Fotograf Volker Weinhold. Er hat mit seiner Kamera die gemeinsame Sammlung genauer unter die Lupe genommen und rund 30 Tiere durch Inszenierung in ihre natürliche Lebenswelt zurückversetzt. Auf einem großformatigen Foto watscheln Blechpinguine durch eine künstliche Eislandschaft. Auf einem anderen sitzt ein Hund vor einem Berg von Würsten, auf einem dritten befallen Blechkäfer einen Kohlkopf.

Für den Leiter der Abteilung Museum Dr. Bernd Herkner war die Ausstellung in mehrfacher Hinsicht interessant: „Die Hälfte unserer Besucher ist unter 18 Jahren – mit dieser Ausstellung holen wir sie direkt im Kinderzimmer ab.“ Als Wissenschaftler habe er sich früher selbst für das Feld der Biomechanik interessiert, die die ausgeklügelte Mechanik von Tierbewegungen untersucht. Der Wissenschaftler redet heute noch mit Begeisterung über den Sprung des Kängurus, den komplexen Gang des Tausendfüßlers und das in der Natur einzigartige Rückstoßprinzip, mit dem ein Tintenfisch durchs Wasser gleitet. Viele der komplexen Abläufe und Baupläne nutze man heute für die Konstruktion von Robotern, Prothesen oder gar für die Forschung zu moderner Intelligenz und künstlichem Leben, weiß der Museumsleiter. „Durch die Mechanik lässt sich viel über die Natur lernen. Auch den Vogelflug hatte man erst ganz verstanden, als man das erste Flugzeug gebaut hatte“.

Die Ausstellung „Mechanische Tierwelt“ ist noch bis 23. Februar 2014 im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt zu sehen.

Eines habe er aber immer noch nicht kapiert, sagt er und deutet auf eine Blechschildkröte in der Vitrine. „Mir ist es ein Rätsel, wie sich diese Schildkröte fortbewegt.“ Die Mechanik bewege das Tier eigentlich nur von links nach rechts und trotzdem komme es vorwärts. Die Blechtierwelt ist offenbar - sogar für einen gestandenen Wissenschaftler - manchmal unergründlicher als die echte Tierwelt: „Wie eine echte Schildkröte sich fortbewegt ist mir ganz klar“.

Quelle: op-online.de

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