Stadttheater lotet neue Grenzen aus

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Das Frankfurter Ensemblemitglied Constanze Becker in einer Montage des Videokünstlers Alex Huot, der Videoästhetiken für die Stücke von Dave St-Pierre entwickelt.

Frankfurt - Das Frankfurter Schauspiel öffnet sich für spartenübergreifendes Theater: Schauspiel, Tanz und Musik will Intendant Oliver Reese mit einer neuen Reihe verbinden. Der kanadische Choreograph Dave St-Pierre inszeniert „Macbeth“. Von Carsten Müller

„Wir rasseln an den Ketten des Stadttheaters.“ Schauspiel-Intendant Oliver Reese nimmt im sechsten Jahr seiner Intendanz das treue wie begeisterungsfähige Frankfurter Publikum mit auf eine Reise, die klassische Repertoire-Grenzen überschreitet. Die neue Reihe „Schauspiel Frankfurt International“ will Trennungen zwischen Tanz, Schauspiel, bildender Kunst und Musik aufheben und spartenübergreifende Inszenierungen auf die Bühne bringen, wie sie in anderen Ländern längst Standard sind. „Wir wollen dahin gehen, wo die Stadt schon längst ist. Frankfurt ist weltoffen, multikulturell und polyglott. Das spiegelt sich in unserer Theaterarbeit aber noch nicht adäquat wider.“

Nach Falk Richters erfolgreicher Zusammenarbeit mit Schauspielern, Musikern und Tänzern aus Island, Niederlande und Deutschland bei der durchweg ausverkauften Produktion „Zwei Uhr nachts“ im Bockenheimer Depot steht mit Dave St-Pierres „Macbeth“-Inszenierung für das Große Haus das nächste Projekt von internationalem Format an. Premiere ist am 17. April. Reese sparte nicht mit Lob für den kanadischen Regisseur und Choreographen: Selten sei er so überwältigt und überzeugt von einer Arbeit gewesen, wie von St-Pierres Inszenierungen in Paris. Seine Choreographien seien herzwärmend und berührend, mit fantastischer Musik und Darstellern, bei denen selbst Nacktheit nicht als offensiv empfunden werde.

„Macbeth“ dürfte in der neuen Frankfurter Lesart freilich nicht wieder zu erkennen sein. St-Pierre hat Shakespeares Königsdrama beträchtlich gekürzt und verzichtet weitestgehend auf Sprache. Bewegung, er nennt es nicht Tanz, sei ohnehin viel aussagekräftiger als der Text, sagt St-Pierre auch aus eigener Erfahrung: Als Kind hat er mit dem Tanzen begonnen, um sein Stottern zu überwinden. Der Kanadier versteht Theater nicht als lineare Erzählung, sondern denkt in Bildern, die am Anfang einer szenischen Entwicklung stehen. Diese hat er zusammen mit den Schauspielern, unter anderem Constanze Becker und Viktor Tremmel, aus dem Text herausdestilliert. Videokünstler Alex Huot produziert dazu Filme, die auf die Körper der Schauspieler projiziert werden.

„In Macbeth get es um ein zerstörerisches Paar, um Macht und darum, wie die Menschen im Stück auf diese Idee von Macht reagieren“, erläuterte Dave St-Pierre, der in seinen Produktionen Menschlichkeit statt Perfektion auf die Bühne bringen will. Fehler und Irrwege von Regie und Darstellern, auch Missbilligungen des Publikums nimmt er gern in Kauf. Ohne solche Polarisierungen sei Theater langweilig. Die mit Unterstützung der Aventis Foundation aufgelegte Reihe „Schauspiel Frankfurt International“ wird nächste Saison mit einem Gesamtkunstwerk des Belgiers Hans Op de Beeck im Kammerspiel eröffnet. Es ist die erste Arbeit des bildenden Künstlers für das Theater. Das Stück dazu - „Die Leere nach dem Fest“ - hat er selbst geschrieben. Zudem werden Falk Richter und die niederländische Choreographin Anouk van Dijk 2015/16 eine Crossover-Produktion mit internationalen Künstlern herausbringen.

Quelle: op-online.de

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