Einblicke in eine Schaustellerfamilie

Ein Leben auf der Achterbahn

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Angela Bruch im Wagen ihrer Alpina Bahn.

Frankfurt - Angela Bruch kommt aus einer Schaustellerfamilie. Rund neun Monate im Jahr tourt sie mit ihrem Fahrgeschäft durch ganz Deutschland. Auch auf der Frankfurter Dippemess ist sie Stammgast. Von Ronny Paul

Angela Bruch fasst mit drei Worten zusammen, was Achterbahnen für sie bedeuten: „Hobby, Beruf, Berufung“. Gesagt, getan: Während um 9 Uhr morgens auf dem Frankfurter Festplatz die meisten Fahrgeschäfte und Buden noch im Tiefschlaf liegen, ist die Besitzerin der Alpina Bahn schon mitten bei der Arbeit. Die 42-Jährige nimmt gemeinsam mit ihren zehn Mitarbeitern die die komplette Bahn unter die Lupe: „Eine Prozedur, die jeden Tag aufs Neue gemacht werden muss und mindestens zwei Stunden dauert“, erklärt Bruch. Schrauben nachziehen, Vortriebsmotoren justieren, Scharniere ölen, Bremsen und Reifen prüfen und Schienen und Außenverkleidung putzen - und das teilweise in luftiger Höhe. „Klettern müssen natürlich nur die Schwindelfreien“, lacht Bruch. Die letzte Fahrt vor der täglichen Eröffnung für die Besucher macht sie immer selbst: „Viele Dinge höre und spüre ich erst bei der Fahrt“, sagt die Schaustellerin. Wenn die Fahrt ihr den gewünschten und für sie alltäglichen Nervenkitzel bereitet – ohne ungewöhnliche Geräusche oder spürbare Unebenheiten – gibt sie grünes Licht. Natürlich mache ihr der rasante und kurvenreiche, zweieinhalb Minuten dauernde Ritt immer wieder viel Spaß, verrät sie.

Ihr Leben als Besitzerin einer Achterbahn wirkt wie ein Auf und Ab: Neun Monate im Jahr an wechselnden Orten - aufbauen, abbauen, warten, prüfen - manchmal sogar unter großem Zeitdruck: „Es kann schon mal vorkommen, dass wir innerhalb von vier Tagen alles ab- und in der nächsten Stadt wieder aufbauen müssen“, sagt Bruch. Bei einem Tross von 48 Fahrzeugen erfordere dies großes logistisches Geschick.

Eine Familie retten - kein Problem

Neben der Logistik beherrscht Bruch auch die Technik, kennt jede Schraube, jeden Schaltkreis bis ins Detail. Sie habe sich viel vom Vater abgeschaut und sich auch durch Praktika als Elektrikerin weitergebildet: „Ich muss wissen wovon ich spreche, wenn ich meine Arbeiter anweise.“ Und wenn Not am Mann ist, hilft sie gleich mit. Auf der Dippemess musste sie einmal am betriebsfreien Karfreitag eine Familie aus einem der Achterbahnwagen retten: „Die haben sich einfach mit ihren Kindern in den Wagen gesetzt. Und obwohl die Anlage aus war, sind die Sicherheitsbügel runtergeklappt und unten geblieben. Da kamen sie nicht mehr raus“, lacht Bruch. Die „Rettung der Familie“ war für die technikbegeisterte Frau natürlich kein Problem.

Eigentlich wollte Bruch Juristin werden. Ein Studium hatte sie bereits begonnen. Doch als im Familienbetrieb Personalmangel herrschte, unterbrach sie ihr Studium: „Es war für mich keine Frage zu helfen.“ Die Pause gehe bis heute, sagt sie schmunzelnd, scheinbar wohlwissend, dass sie - wie ihr Bruder - in Familientradition den Karussells verbunden bleiben wird. Bruder Oscar ist mit Riesenrädern unterwegs.

Überhaupt bestimmen die Stahlkolosse Riesenrad und Achterbahn seit der Gründung 1848 das Familienunternehmen Oscar Bruch aus dem rheinland-pfälzischen Andernach. Als Vater Oscar in Ruhestand ging, stieg Angela Bruch in die Leitung des Unternehmens ein und führt das 25-köpfige Unternehmen seitdem zusammen mit Mutter Inge.Die Bruchs sind Jahr für Jahr meist von März bis Oktober in ganz Deutschland unterwegs. Je nach Buchung kommen auch Feste in Frankreich und in den Niederlande dazu. Mitsamt Tross und Achterbahn war Bruch selbst schon in Schweden: „Wir haben alles auf eine Fähre verladen.“ Nach Frankfurt komme sie auch immer wieder gerne: „Ich schätze die Atmosphäre und die kurzen Wege“, schwärmt Bruch von der Mainmetropole.

In ihrem Team geht es zu wie in einer Großfamilie: Alle Mahlzeiten werden von einer Köchin im Essenwagen zubereitet und gemeinsam eingenommen. Das schweißt zusammen. Die meisten ihrer Mitarbeiter sind schon viele Jahre dabei.

Als Schausteller über die Runden zu kommen, sei es heute schwerer als noch vor zehn Jahren: Steigende Platzmieten, sowie Strom- und Wasserpreise auf der einen Seite und rückläufiges Interesse für Volksfeste auf der anderen Seite, machten ihr das Geschäft nicht einfacher: „Bei einem Fahrpreis von fünf Euro bleibt an schlechten Veranstaltungen manchmal nicht viel übrig“, räumt Bruch ein. „Wir müssen uns jedes Jahr aufs neue für die Volksfeste bewerben.“ Das sei in vielen Fällen ein Glücksspiel, denn oft entscheidet schon die Größe der Fahrgeschäfte oder die Anzahl an Wohnwagen über Zuschlag oder Absage. „Die Veranstalter suchen die Bahnen nach dem jeweiligen Bedarf aus.“ Die Festplätze würden zudem immer kleiner werden und die Technik entwickelt sich stetig weiter, bedauert Bruch. Die Alpina Bahn mit fast 20 Jahren auf dem Buckel sei auch nicht mehr die Jüngste: „Die würde heute neu locker zehn Millionen Euro kosten“, schätzt Bruch. „Da muss eine Achterbahn schon lange laufen, bis sie sich bezahlt macht.“

Dem verstorbenen „King of Pop“ Michael Jackson hat die Alpina Bahn jedenfalls viel Spaß gemacht, erzählt Bruch. Der war in den 90er Jahre nach einem Konzert in Hamburg gleich mehrere Runden auf der Bahn gefahren.

Quelle: op-online.de

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