Angestaute Wut in Jobcentern

Frankfurt/Offenbach - Der Tod einer 39-Jährigen durch einen Polizei schuss in einem Frankfurter Jobcenter hat eine Debatte über Konsequenzen für die Behörden in Gang gesetzt. War der Tatort Zufall? Oder sind gerade Ämter der Wut von Antragstellern und somit auch dem Risiko ausgesetzt?

Die Polizeigewerkschaft DPolG fordert von der Regierung „endlich vernünftige Gesetze“ im Bereich Hartz-IV. Dagegen warnt der Kriminologe Rudolf Egg vor voreiligen Urteilen. Jobcenter seien Orte, an denen sich viel angestaute Wut entladen könne, sagt Egg. Das betroffene Jobcenter in Frankfurt berate eine besondere Klientel, die teilweise alkohol- oder drogensüchtig sei oder keinen Wohnsitz habe. Damit Gewalt entstehe, müssten viele Faktoren zusammenkommen, meint Egg. Er warnte davor, die Schuld einseitig bei den Mitarbeitern des Jobcenters oder in einer schlechten Hartz-IV-Gesetzgebung zu suchen. Zunächst müsste der Hintergrund der Täterin geklärt werden.

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Nicht nur in Jobcentern bekommen es die Mitarbeiter immer wieder mit aggressiven Menschen zu tun. Wut komme oft auf, wenn jemand etwas nicht bekomme, von dem er glaube, es stehe ihm zu, sagt Hermann Dorenburg, der Leiter des Jugendamtes in Offenbach. „Man muss dieses Gefühl ernst nehmen.“ Wenn man jemanden mit seiner Wut annimmt, auch wenn man diese nicht für gerechtfertigt halte, sei eine friedliche Lösung „in 99 Prozent der Fälle“ möglich. Dazu müsste man sich jedoch Zeit nehmen. „Wenn ich als Mitarbeiter weiß, dass der Wartebereich vor der Tür voll ist, geht das aber nicht.“ Die Lage in Jugendämtern sei nicht mit der in Jobcentern vergleichbar.

Bilder vom Tatort

Polizistin erschießt Angreiferin

Matthias Schulze-Böing, Chef des Jobcenters MainArbeit in Offenbach, sieht zwar den Sinn in einem solchen Verhalten, er schränkt aber ein: „Dazu fehlt uns in den Jobcentern meist die Zeit“. Natürlich könne es emotional werden, wenn es wie dort ums Existenzielle gehe. „Aber es ist nicht akzeptabel, wie unsere Mitarbeiter teilweise angepöbelt werden.“

Schulze-Böing setzt als Gegenmaßnahme auf klare Regeln: Werden die Beleidigungen zu grob, würden Gespräche abgebrochen und teilweise Hausverbote erteilt. Ein- bis zweimal im Monat müsse auch die Polizei ins Jobcenter gerufen werden. Ein Sprecher des Frankfurter Sozialdezernats erklärte, Konflikte hätten sich von den Sozialämtern auf die Jobcenter verlagert. In Frankfurt beschäftigen manche Jobcenter deshalb eigene Sicherheitsdienste.

„Wir brauchen mehr Personal in den Jobcentern“, sagt zudem Matthias Schulze-Böing, der auch Sprecher der Geschäftsführer der deutschen Jobcenter ist. Die Jobcenter seien in Deutschland personell schlechter gestellt als die Agenturen für Arbeit, dabei hätten sie eine deutlich schwierigere Klientel zu betreuen. Es müsse außerdem sichergestellt sein, dass Mitarbeiter fortwährend ausgebildet würden. Die Mitarbeiter sollten nicht nur in juristischem Wissen, sondern auch immer wieder in ihren kommunikativen Fähigkeiten geschult werden.

Quelle: op-online.de

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