Schlacht verloren, aber nicht den Krieg

Ich hatte viel über die Bundeswehr gehört, das mich in meiner Absicht bestärkte. Ich wollte nicht durch den Schlamm robben, hatte keine Lust auf kilometerlange Gewaltmärsche, Männerkameradschaft und Abende voller Bierseligkeit fernab der Heimat, in der es mir doch so gut ging. Von Frank Mahn

Ich wollte auch nicht lernen, wie man eine Waffe bedient und wie man damit auf Menschen zielt. „Zum Bund gehen“, beim Militär Dienst leisten - nein, das kam für mich nicht in Frage. Ich habe es auch nicht getan, aber es war ein weiter Weg damals, Anfang der achtziger Jahre.

Alles begann kurz vor dem Abitur im Jahr 1981 mit der Musterung. Tauglichkeitsgrad „wehrdienstfähig“ stand da zu lesen und „Sie werden der Ersatzreserve I zugewiesen“. Ich verweigerte und setzte damit eine für heutige Verhältnisse unvorstellbare Kettenreaktion in Gang. Im damals berühmt-berüchtigten Kreiswehrersatzamt in Eschborn musste ich meinen schriftlichen Antrag begründen. In dem Raum saßen drei Herren und eine Dame, an der Wand hing die Deutschlandfahne. Ich mühte mich redlich, meinen Gewissenskonflikt darzulegen, denn das war der entscheidende Punkt.

Quartett unter der Flagge zeigt sich unbeeindruckt

Und dann wurde sie gestellt, die Frage, vor der mich Freunde schon gewarnt hatten. Was machen Sie, wenn Sie mit Ihrer Freundin spazieren gehen und ein Räuber der Frau Gewalt antun will? So oder so ähnlich jedenfalls. Na ja, ich würde es natürlich erst einmal mit reden versuchen...

Bei dem Quartett unter der Flagge hinterließen meine Ausführungen nicht den erhofften Eindruck. Dass ich nicht „berechtigt war, den Kriegsdienst mit der Waffe zu verweigern“, bekam ich später schriftlich: „Das Prüfungsgremium muss anhand konkreter Anhaltspunkte zu der Überzeugung gelangen können, dass der Antragsteller seine Entscheidung getroffen hat in Orientierung an den elementaren Kategorien ‚Gut‘ und ‚Böse‘. Eine Gewissensentscheidung in diesem Sinne hatte das Gremium bei mir seltsamerweise nicht erkennen können. Auch mein „sittliches Verhalten“, ein weiteres Prüfungskriterium, genügte nicht den Ansprüchen des Staats.

„Mir wurde langsam ein bisschen mulmig.“

Was soll's, eine verlorene Schlacht. Ich legte Widerspruch ein und war überzeugt davon, damit durchzukommen. Auch dieser Schuss ging nach hinten los. Die Prüfungskammer für Kriegsdienstverweigerer ließ mich völlig überraschend wissen, dass mein Widerspruch zurückgewiesen worden sei. Jetzt half nur noch der Gang vor den Kadi, mir wurde langsam ein bisschen mulmig.

„Die Klage ist gegen die Bundesrepublik Deutschland zu richten“ las ich. Eine Nummer kleiner ging‘s offenbar nicht. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Also nahm ich mir einen Rechtsanwalt, der alles Weitere in die Wege leitete.

Die Stunde der Wahrheit schlug an einem sonnigen Januar-Morgen vor dem Verwaltungsgericht Darmstadt. Die Verhandlung dauerte fast drei Stunden, ehe der Vorsitzende Richter das aus meiner Sicht höchst weise Urteil verkündete: Alle vorherigen Bescheide wurden aufgehoben, ich war ein im Namen des Volkes anerkannter Kriegsdienstverweigerer und machte sieben Kreuze; auch weil keine Revision zugelassen wurde.

„Unausweichliche seelische Not“

Ein Satz aus der umfangreichen Urteilsbegründung: (...) „Wenn er (also ich) sich gleichwohl außerstande sieht, sich mit einer Waffe an einem Verteidigungskrieg zu beteiligen, so beweist dies, dass er sich voll und ganz an sein Gewissensgebot, nicht töten zu dürfen, hält, dass es für ihn also verbindlich ist und dass er in eine unausweichliche seelische Not geriete, wäre er gezwungen, dagegen zu handeln.“ Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

Quelle: op-online.de

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