Festival in der Festhalle

Schlagerparade: Junge Wilde treffen auf alte Meister

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Gilbert, Vanessa Mai und Roland Kaiser (Bild) hielten in der Frankfurter Festhalle u.a. Hof.

Frankfurt - November- Depression? Winter-Blues? Krisenangst? Nicht mit uns! Beim größten Schlager-Festival Hessens beweist sich das Heile-Welt-Liedgut in der Frankfurter Festhalle als selig machender Rückzugsort in unschönen Zeiten. Von Peter H. Müller 

Elf Stars der Szene, die sich seit dem frühen Nachmittag das Mikro in die Hand geben, sieben Stunden Live-Musik am Stück und ausnehmend fröhliche Gesichter: Die finale Schlager-Starparade des Jahres sorgt für kollektive Party-Atmosphäre. Bernhard Brink bringt es zu fortgeschrittener Stunde knackig auf den Punkt: „Wir erleben gerade Scheiß-Zeiten. Also lasst uns Spaß haben!“. Der Mann, inzwischen 64 und beneidenswert gut in Schuss, muss es wissen. Er hat schließlich, bevor er 1972 das erste Mal zu Dieter Thomas Heck stürmte, Jura studiert und scheint sich sicher: Demokratie kann ganz einfach sein - wenn alle dasselbe wollen.

Übertragen auf die geschätzt 8000 Fans in der Festhalle, wo hr4 mit Moderator Roland Boros als Gastgeber firmiert, bedeutet das: eine Marathon-Fete der guten Laune, die jede ZDF-Hitparade wie einen Kindergeburtstag dastehen lässt. Zur surreal frühen Konzertzeit, gegen 14 Uhr, hat Wolkenfrei-Elfe Vanessa Mai die Sause bereits eröffnet, gefolgt vom österreichischen Comebacker Gilbert, der nach einer Borreliose-Erkrankung nun mit seinem aktuellen Album wieder „Ein Stück vom Himmel“ auf die Bühne holt. Nettes Aufwärmprogramm.

Denn danach rappelt es erstmal so richtig im Gebälk: Jürgen „König von Mallorca“ Drews (70!) und die ewig bemützte Stimmungskanone DJ Ötzi - viel mehr muss man nicht sagen. Außer vielleicht, dass ein nimmermüdes Reinigungskommando alle Hüttenzauber-Überreste flugs beseitigt. Dickes Danke dafür. Zum zweiten Show-Block schlägt dann „die Hesse in Hesse“ auf. Sie heißt Linda (Hesse), sieht gut aus, singt bauchfrei vom „Knutschen“ oder davon, dass sie „ja kein Mann ist“ - und erinnert irgendwie an die Anfangstage der holden Helene Fischer.

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Eher am anderen Ende der Demografie-Strecke: Andrea Jürgens, die man noch immer als Kinderstar der 1970-er auf der Festplatte gespeichert hat. Auch sie probt ein Comeback, das Claudia Jung schon deshalb nicht braucht, weil sie nie raus war aus der Show-Szene. Und wahlweise als bayerische Landtagsabgeordnete oder Schauspielerin den Titel ihres aktuellen Cover-Albums „Seitensprung“ umgesetzt hat. Die 51-Jährige macht auch in Lederjacke und Röhrenjeans eine gute Figur. Dazu Top-Stimme, eine Profi-Entertainerin eben.

Das, man muss fast sagen, „Kult“-Duo Fantasy (Martin Marcell/Freddy März), die Herren mit dem unkaputtbaren „Weißen Boot“, sorgen dann für das nächste Highlight - die Fans geraten aus dem Häuschen. Gutes Timing also für Bernhard, den Brink, der nach der zweiten Pause über die Rampe tobt wie zu seinen vermeintlich besten Tagen nicht. Was immer er in seinen Tee gemixt hat - man möchte es auch haben. Zumal es helfen könnte, die Dauer-Bespaßung der unglaublich fröhlichen Eidgenossin Beatrice Egli für bare Münze zu nehmen.

Aber, die wahre Kaiser-Mania wartet ja noch: Roland „Schachmatt“ Kaiser ist mittlerweile in der Tat der letzte Elder Statesman des Schlagers. Nicht nur, weil er bei seiner Udo-Jürgens-Hommage den gesamten Saal als Gänsehaut-Chor im Rücken hat. Der Altmeister kann’s eben noch, auch wenn sein Auftritt etwas abrupt endet. Keine Sorge, nächsten November ist wieder Schlager-Starparade. Allerdings am Abend. Heißt dann Schlager-Nacht. Und wird ganz bestimmt wieder super.

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Quelle: op-online.de

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