Eine Schlangenfrau im Hauptbahnhof-Schließfach

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Frankfurt - Gleis 24, Schließfach 1452, Frankfurt Hauptbahnhof: Eine Frau im weißen Glitzerkleid und schwarzer Netzstrumpfhose steigt aus ihren silberfarbenen Highheels, beugt sich nach vorne und hockt einen Augenblick später schon in der Handgepäcks-Box. Von Kathrin Rosendorff

Dann schließt sie die Tür. Jesabehl heißt sie - von Beruf ist sie Schlangenfrau beim bayerischen Circus Carl Busch. Am Bahnhof macht sie Werbung für dessen Gastspiel, das bis zum 9. Mai in Frankfurt zu sehen ist. Angefangen hat die 1,67 Meter Große, 55 Kilo leiche Italienerin als siebenjähriges Mädchen. „Mein Vater war Zirkusdirektor und sagte, dass ich die notwendige Flexibilität mitbringe, um eine Schlangenfrau-Karriere zu starten“, sagt die Artistin, lächelt und greift nach ihrem linken Bein und versteckt es hinter ihrem rechten Ohr. Kontorsion - das lateinische Wort für Drehung, Windung - lautet der Fachausdruck für die Kunst der Schlangenmenschen.

Kann jeder Schlangenmensch werden? „Man muss im Kindesalter anfangen, aber es bedarf auch einer gewissen Veranlagung. Schlangenmenschen sind in der Hinsicht wie Klavierspieler“, sagt der Orthopäde Florian Geiger, der Privatdozent an der Uniklinik Frankfurt ist.

Jesabehl ist eine „Frontbender“ (englisch für Nach-Vorne- Beugerin). „Das habe ich am Anfang meiner Karriere entschlossen. Für mich fühlt es sich einfach besser an, meine Wirbelsäule nach vorne zu beugen.“ Ihre Schwester, ebenfalls Schlangenfrau, fällt dagegen in die zweite Kategorie. Sie ist eine Nach-Hinten-Biegerin („Backbender“). Einen Akrobat, der sich miniklein in Boxen quetschen kann, nennt man Kontortionst. So jemand kann aber nicht zwangsläufig auch seinen Körper bis zum Geht-nicht-mehr verbiegen, also zum Beispiel auf dem Bauch liegen und dabei mit seinen Füßen nach hinten rund gebogen seinen Kopf berühren.

Jesabehl beherrscht beide Kunstformen. „Viel Disziplin muss man als Schlangenfrau mitbringen“, sagt sie. 45 Minuten Stretching dauert es bis sie ihre Muskeln genug gedehnt hat. Die Box, in die sie normalerweise bei ihren Auftritten verschwindet, sei noch viel kleiner als das Bahnhofsschließfach: 45 mal 45 Zentimeter. „Nein, gefährlich ist das nicht, das ist doch nur Kunst“, sagt ihr Lebensgefährte Joe Saly. Der 31-Jährige assistiert Jesabehl in der Show, er ist selbst Flamenco-Tänzer im Zirkus.

Aber Ärzte sehen die Verrenkungen der Schlangenmenschen mit Sorge. „Wie bei Leistungsturnern ist die Gefahr für das Wirbelsäulegleiten größer als bei normalen Menschen“, sagt Orthopäde Geiger. „Dabei entsteht so eine Art Lücke zwischen Ober-und Unterkörper. Irgendwann hängt der ganze Körper nur noch auf der Bandscheibe. Die Folgen können chronische Rückenschmerzen und oft Operationen zur Stabilisierung der Wirbelsäule sein.“ Jesabehl ist ein Phänomen, glaubt Freund Saly: „Normalerweise geht man als Schlangenmensch mit 25 in die Rente, weil man dann körperlich fertig ist“, erzählt er. „Aber Jesabehl ist schon 32 Jahre und noch total fit.“ Nur manchmal zwickt es ein bisschen im Rücken.

(dpa)

Quelle: op-online.de

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