Schmiedin mit Hammer und Herz

+
Melanie Scherer schmiedet ein glühendes Hufeisen in der Klinik für Pferde-Chirurgie der Universität Gießen

Gießen - Bis zu 1200 Grad Hitze herrschen an Melanie Scherers Arbeitsplatz. Kleine Verbrennungen sind an der Tagesordnung, manchmal setzt es auch einen Tritt. Die 30-Jährige ist Hufschmiedin und Deutschlands einzige Hufbeschlagslehrmeisterin.

In der Lehrschmiede am Fachbereich Tiermedizin der Universität Gießen bringt sie den Auszubildenden bei, wie das perfekte Hufeisen gelingt. Voraussetzung: „Ein bisschen Talent, ansonsten heißt es üben, üben, üben“, sagt Scherer. Seit 2004 leitet sie die Schmiede der mittelhessischen Hochschule. Jeweils zwei Lehrlinge erlernen hier das Handwerk. Zudem bietet Gießen als eine von bundesweit nur zehn Lehrschmieden Kurse für die staatliche Hufbeschlagsprüfung an. Pro Jahr bekommen hier 600 Pferde neue Eisen. Der orthopädische Hufbeschlag für lahmende Tiere zählt zur Spezialität der Schmiede, die deswegen auch zur „Klinik für Pferde/Chirurgie“ gehört.

Bei bis zu 1200 Grad werden Hufe formbar gemacht

Melanie Scherer schmiedet ein glühendes Hufeisen in der Klinik für Pferde-Chirurgie der Universität Gießen

Melanie Scherers Arbeitsplatz ist in einer großen Halle untergebracht. An einer Wand stehen zwei mit Steinkohle befeuerte Schmiedeherde, über denen jeweils eine wuchtige Esse prangt. Mit einem Griff sorgt Scherer für mehr Luft und aus der eben noch sanft glühenden Kohle lodern augenblicklich die Flammen. Bei 800 bis 1200 Grad werden die Hufeisen darin formbar gemacht. Die Schmiedin hält das Eisen mit einer Zange in eines der vier Feuer. Sobald es glüht, hebt sie es auf einen 170-Kilo-Amboss, der auf einem massiven Eichenstamm ruht. Mit ihrem wuchtigen Hammer bearbeitet sie darauf das Eisen, dass die Funken sprühen. Zwar gibt es heute auch mit Gas betriebene Schmiedeöfen. Doch die 30-Jährige mag das Schmieden mit dem traditionellen Kohlenfeuer. „Es wäre schade, wenn das Wissen über dieses alte Verfahren verloren ginge“, sagt sie. Etwa 90 Minuten braucht Scherer, bis ein Pferd mit neuen Eisen versorgt ist. Das Schmieden mache aber nur 40 Prozent der Arbeit aus, erklärt sie. Zuvor muss der Huf akkurat vorbereitet werden. Er wird begutachtet und beschnitten, erst danach kann das Eisen angenagelt werden. Diese Vorbereitung ist bei lahmenden Pferden besonders wichtig.

Zusammenarbeit mit Veterinären unerlässlich

Gemeinsam mit Tierärzten und mit Hilfe von Röntgenbildern wird das Problem analysiert und nach der geeigneten Form für die orthopädischen Hufeisen gesucht. Die Zusammenarbeit mit den Veterinären sei dabei unerlässlich. Die Schmiede - Scherer hat neben zwei Lehrlingen noch zwei weitere Mitarbeiter - fertigen schließlich die Hufeisen an. Ob lahmend oder nicht: Jedes Pferd bekommt seine Eisen individuell angepasst. Augenmaß ist dabei Pflicht. Ein Huf wird nicht vermessen, seine Form muss mit einem Blick abgeschätzt werden. Ohne Erfahrung und Übung geht in dem Beruf daher nichts - auch, um ihn körperlich zu meistern. „Am Anfang schafft man nur einen Huf“, erzählt Scherer. Dann könne man ein ganzes Pferd ohne folgenden Muskelkater beschlagen, schließlich zehn Tiere am Tag. Für Melanie Scherer stand seit ihrer Kindheit fest, dass sie diesen anstrengenden und manchmal schmerzhaften Beruf - neben ihren alltäglichen Verbrennungen wurde sie auch schon zweimal von einem Pferd getreten - ausüben will.

Hufschmied ist kein Lehrberuf mehr

Die 30-Jährige ist mit Pferden aufgewachsen und war als Kind immer zur Stelle, als der Schmied kam. Nach dem Abitur 1999 begann sie mit der Ausbildung zum Metallbauer, Fachrichtung Metallgestaltung, Kernbereich Hufbeschlag. Denn Hufschmied ist kein Lehrberuf mehr. Metallbauer können sich in diesem Bereich lediglich spezialisieren. Nach ihrer Hufbeschlagsprüfung wurde Scherer 2004 Metallbaumeisterin. 2005 legte sie die Prüfung zur Hufbeschlagslehrmeisterin ab. Für Scherer ist ihre Arbeit ein Traumjob. „Ich helfe zu heilen“, sagt sie. Es sei faszinierend, welchen Einfluss Hufeisen auf die Bewegung des Pferdes haben. Ob sie auch Glück bringen, vermag sie nicht zu sagen. „Ich bin völlig frei von Aberglauben“, sagt die Schmiedin. Hufeisen hängt sie immer mit der Öffnung nach unten auf, weil sie das hübscher findet. Glück sei für sie, wenn ein verlorenes Eisen gefunden wird, ehe ein Pferd hineintritt und sich an den Nägeln verletzt.

dpa

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare