Zum Lachen in den Keller

Die Schmiere blickt auf ihre 65-jährige Geschichte zurück

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Susanne Berg, Christina Wiederhold, Effi B. Rolfs und Matthias Stich (v.l.) wollen keine Rente mit 65.

Frankfurt - Gibt’s doch gar nicht! Doch, gibt es: Die Schmiere ist 65 Jahre alt geworden. Selbst wenn das selbst ernannte schlechteste Theater der Welt behauptet, die Schmiere gebe es überhaupt nicht. Von Christian Riethmüller

Was macht man, wenn man die 65 erreicht hat? Singen? Nun, für die Beatles und „When I’m 64“ ist es zu spät, für Udo Jürgens’ „Mit 66 Jahren“ noch etwas zu früh. In Rente gehen? Das können Bühnenmenschen gar nicht. Also einfach weiterspielen, wie es im Kellergewölbe unter dem Karmeliterkloster seit Jahr und Tag praktiziert wird, etwa mit dem aktuellen Programm „Für Menschen und Rindvieh...keine Rente mit 65!“ Zum Lachen ist man in Frankfurt in den vergangenen fast sieben Jahrzehnten gern in den Keller gegangen. Zum Beispiel in den des „Steineren Hauses“ in der Braubachstraße, wo Die Schmiere einst ihr erstes Domizil hatte, wenngleich hier nicht die allererste Vorstellung des von Rudolf Rolfs gegründeten politischen Kabaretts gegeben wurde. Die gab es am 9. September 1950 im Kurhaus in Bad Vilbel, wie die informative Broschur „65 Jahre Die Schmiere“ weiß, die die heutigen Theatermacher Effi B. Rolfs und Matthias Stich vor Kurzem herausgegeben haben. Auf knapp 140 Seiten lässt das Buch, das es an der Theaterkasse zu kaufen gibt, die wechselvolle Geschichte des Theaters Revue passieren, das es mittlerweile auf über 15 000 Vorstellungen gebracht hat und dabei immer unabhängig und vor allem unsubventioniert geblieben ist.

Doch nicht nur mit der Publikation soll Geburtstag gefeiert werden. Das heutige „Schmiere“-Team hat ausgiebig im umfänglichen, von manchem Wasserschaden betroffenen Hausarchiv recherchiert und Szenen, Couplets und Sketche aus den Anfangstagen der „Schmiere“ geborgen, die erstaunlicherweise immer noch aktuell erscheinen. Diese Nummern sind zu einem Programm gefügt worden, das gleichzeitig Hommage an die eigene Geschichte wie auch bissiger Kommentar zum Hier und Jetzt ist. Als würden Rudolf Rolfs, sein kongenialer Partner und TV-Legende Regnauld Nonsens sowie die vielen anderen Mitspieler der frühen Jahre aus dem Jenseits mahnen, dass die deutsche Gesellschaft seit den fünfziger Jahren nicht unbedingt viel gelernt hat. Zwischen den Szenen, in denen neben Effi B. Rolfs und Matthias Stich auch Christina Wiederhold und Susanne Berg teils in Originalkostümen agieren, ertönen jene Werbeeinspieler, die Rolfs-Tochter Effi eingeführt hat und die längst zu einem Aushängeschild des Theaters geworden sind.

Die Gute-Laune-Macher: Entertainment auf der Kreuzfahrt

In tatsächliche Spots imitierenden Nummern und Gesängen wird Werbung ad absurdum geführt, im aktuellen Programm etwa an dem einst weitverbreiteten Stärkungsmittel „Frauengold“, das im Jahr 1981 als gesundheitsschädlich verboten wurde. Heute heißen die Mittel zur Selbstoptimierung und zum Gehirndoping anders, doch am mit ihrer Einnahme manifestierten Untertanengeist hat sich seit 65 Jahren nichts geändert. Um darauf gelegentlich aufmerksam gemacht zu werden, braucht’s die Schmiere weiterhin.

Quelle: op-online.de

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