Schock: Erst Mini-Strafe, und nun lebenslang

+
Die Begründung für das überraschend harte Urteil bekam die Angeklagte nicht mehr mit, sie war zusammengebrochen.

Kassel ‐ Als die Frau das Urteil „lebenslang“ hörte, war es um ihre Fassung geschehen: „Sie können mich doch nicht für etwas verurteilen, was ich nicht gemacht habe“, rief die wegen Mordes an ihrem Baby angeklagte 33-Jährige aus Bad Wildungen ihrem Richter entgegen. Von Funda Erler

Dann brach sie unter Tränen zusammen und wurde direkt aus dem Kasseler Gerichtssaal in ein Krankenhaus gebracht. Nachdem die Frau in ihrem ersten Prozess 2008 nur acht Monate Haft erhalten hatte, verurteilte das Landgericht sie am Freitag in dem Revisionsverfahren zu lebenslanger Haft wegen Mordes. Für den Vorsitzenden Richter Jürgen Dreyer gab es keine Zweifel, dass die 33-Jährige ihr Kind vorsätzlich und aus niedrigen Beweggründen im Oktober 2007 tötete.

„Das Kind passte ihr einfach nicht in den Kram“, sagte er in der Urteilsbegründung, an der die Frau nicht mehr teilnahm. Die Angeklagte habe ihr bisheriges Leben fortführen wollen, „ohne Kind, mit Hund, mit Vereinsleben“, sagte Dreyer über die Jägerin und Hundezüchterin. Deswegen habe sie die Schwangerschaft vor ihrer Familie und ihrem Partner verheimlicht und monatelang gelogen. Sie hatte auch keine Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen, angeblich weil die arbeitslose pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte nicht krankenversichert war.

Der Junge habe im Auto angefangen zu schreien

Die Angeklagte hatte das Baby im Oktober 2007 unter falschem Namen in einem Krankenhaus in Fritzlar per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Einen Tag später war sie mit ihrem Sohn davongeschlichen. Mutter und Kind waren vier Tage mit großem öffentlichen Aufwand gesucht worden. Schließlich wurde die Frau in der Wohnung ihrer Eltern in Edertal- Bergheim gefunden. Den Beamten sagte sie: „Ich habe es getan. Das Kind ist tot. Es liegt in einem Müllsack im Kofferraum.“

Im Prozess hatte sie ausgesagt, dass der Junge im Auto angefangen habe zu schreien. „Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, und ihn an meine Brust gedrückt.“ Das Baby habe begonnen zu krampfen und schließlich aufgehört zu atmen. In ihrer Verzweiflung habe sie das tote Baby in den Müllsack gesteckt und im Kofferraum ihres Autos verstaut. „Wer, der einigermaßen bei Sinnen ist, hält denn 2 bis 3 Minuten lang einem Kind Mund und Nase zu“, sagte der Richter am Freitag.

Die Frau, die seit 2007 arbeitslos war, hat nach Ansicht des Gerichts während der gesamten Schwangerschaft keine Vorbereitungen auf ein Leben mit dem Kind getroffen. Der Haushalt des Paares sei in einem chaotischen Zustand gewesen. Die Frau habe nicht aufgeräumt und auch nicht saubergemacht. „Normalerweise würde man in so einem Haus kein Kind groß ziehen“, sagte Dreyer. Außerdem seien weder Windeln, noch Nahrung für das Baby im Haus gewesen, obwohl die Frau den genauen Geburtstermin gewusst habe. All das deute darauf hin, dass die Frau nie vorhatte, ein Leben mit dem Kind zu führen.

Anwalt kündigt Revision ein

Im November 2008 war die Frau noch wegen fahrlässiger Tötung zu acht Monaten Haft verurteilt worden, die sie bereits in Untersuchungshaft abgesessen hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte ihr auch damals Mord aus niedrigen Beweggründen vorgeworfen, doch das Schwurgericht hielt eine vorsätzliche Tötung nicht für erwiesen. Die Staatsanwaltschaft legte daraufhin erfolgreich Revision vor dem Bundesverfassungsgericht ein, das den Fall zurück an das Landgericht Kassel gab.

Nach dem Urteil am Freitag kündigte diesmal der Rechtsanwalt der Beschuldigten, Michael Bonn, Revision an. „Das Gericht hat das hier anders bewertet, hat einen Mord gesehen. Uns bleibt nur das Rechtsmittel der Revision.“

dpa

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare